Ein bisschen aufgeregt war ich schon. Das erste Mal nach vielen Jahren mit einer größeren Gruppe auf einer längeren Wanderung, noch dazu über Nacht.
Die Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion hatte eingeladen zu einer Pilgertour von Angermünde über Groß-Ziethen nach Kloster Chorin und ich habe als Neuling in diesem Verein einen der begehrten Plätze ergattert. Mit was für Leute werde ich unterwegs sein? Nur wenige der angemeldeten 22 Teilnehmer waren mir bislang bekannt. Und, wie spirituell wird es zugehen? Wird sich die anstehende Pilgertour von einer normalen Wanderung unterscheiden? Ich war sehr gespannt.
Als Treffpunkt war Samstag, der 23. Oktober 2021, 9.40 Uhr an der die Heilig-Geist-Kapelle in Angermünde vereinbart.
Da kamen für die Anfahrt zwei kurz hintereinander fahrende Regionalexpresszüge in Frage, Ankunft 9.13 bzw. 9.28 Uhr in Angermünde. Ich habe ab Bernau den ersten dieser Züge genommen und im Zug noch niemand getroffen. Am Bahnhof in Angermünde dann die ersten bekannten Gesichter und unbekannte Rucksackträger, die vermutlich dazugehören.
Gemäßigten Schrittes ging es gemeinsam zu der nahe gelegenen Kapelle, die schon bei früheren Besuchen in Angermünde mein Interesse geweckt hat, aber stets verschlossen war. Nun bot sich die Gelegenheit, da mal einen Blick hinein zu werfen. Bei dem Backsteinbau aus dem 15. Jahrhundert handelt es sich um den letzten Teil des im Dreißigjährigen Krieg zerstörten Heilig-Geist-Spitals.
Kurfürst Friedrich III. hat diese Kapelle 1698 den in hiesiger Gegend angesiedelten Hugenotten überlassen und sie gehört noch heute der Französisch-Reformierten Kirchengemeinde Groß-Ziethen/Schwedt, deren Pfarrerin, Cornelia Müller (rechts), uns in „ihrer“ schönen Kapelle herzlich begrüßte.
Zuvor hatte bereits Dr. Christopher Frantzen (rechts oben), der Präsident der einladenden Jakobusgesellschaft, alle einzeln begrüßt und auf den Anlass der Tour hingewiesen.
Die Pilgertour war als offizielle Eröffnung des Jakobsweges entlang der Via Imperii von Stettin über Berlin nach Leipzig gedacht. Erst kurz zuvor war die Ausschilderung des nördlichen Teils erfolgt und wir waren die erste Pilgergruppe, die offiziell auf diesem Weg unterwegs war und in der neuen Pilgerherberge in Groß-Ziethen nächtigen wollte.
Schon kurz nach dem Abmarsch an der Kapelle zeigte sich, dass es mit der Wege-Eröffnung so eine Sache ist, wenn der ausgeschilderte Weg nicht mit dem auf der Karte übereinstimmt. Das kann passieren, wenn die geplante Wegeführung geändert werden muss, weil zum Beispiel nicht alle Gemeinden am Wegesrand ihre Zustimmung zum Wegeverlauf geben.
Hier waren es die Naturschützer, die sich dagegen ausgesprochen haben, dass der Jakobs­weg auf den vorhandenen Wanderwegen um den Grumsiner Buchenwald geführt wird.
Der Buchenwald ist zwar UNESCO Weltnaturerbe und mit großem Aufwand sind ringsum Wanderwege, Info-Tafeln und Besucherzentren errichtet und viel Werbung betrieben worden, aber dass viele Besucher kommen, ist nicht jedem Recht. Und ganz furchtsame Natur­schützer haben offenbar befürchtet, dass hier mit der Ausweisung eines Jakobsweges solche Pilgerscharen unterwegs sein werden, wie nach Hape Kerkelings Buch durch Nordspanien.
Für unsere Pilgertour war die nicht erwünschte, aber bereits in den Wanderkarten verzeichnete Tour um den Grumsiner Wald vorgesehen. Deshalb ging es hinter der Bahnunter­führung rechts ab und nicht wie ausgeschildert geradeaus.
Nach einem kurzen Stück durch ein Wohngebiet und entlang eines Gewerbegebietes war ringsum nur noch Natur.
Durch den so genannten Kranichbruch und ein Kiefern­wäldchen gelangten wir zu einer idyllisch am Wolletzsee gelegenen Wochenendsiedlung. Über uns zogen Vögel dahin, aber ob das Kraniche waren, kann ich nicht sagen.
Vom Wolletzsee war vorerst nicht viel zu sehen, nur das, was die Lücken in den Zäunen zuließen. Der 5 km lange und 1 km breite See wird übrigens von der 66 km langen Welse durch­flossen, die bei Schwedt über den Kanal in die Oder mündet.
Hier bot sich eine gute Gelegenheit, die Pilgergruppe an sich vorbei ziehen zu lassen und zu beäugen.
In der Gruppe, in der die Frauen die Mehrheit stellte, waren alle Altersklassen zwischen 20 und 70 vertreten, einige waren Vereinsmitglieder, andere nicht. Es waren ganz stille Typen dabei und welche, die gern zu einem Plausch bereit waren. Eine „bunte Truppe“, aber die ersten Kilometer haben schon gezeigt, dass man gut miteinander auskommen kann.
Am Südwest-Zipfel des Wolletzsees ging es noch mal ein Stück durch den Wald, dann über eine Lichtung mit Blick auf ein paar Bootshäuser und danach endgültig in den Wald - den Angermünder Stadtwald. Der Weg führt dort lange Zeit parallel zum Ufer, etwa 50 m entfernt. An einer Stelle ist ein Abstecher ans Wasser leicht möglich: an der Adlerquelle.
Das war ein guter Platz, um Rast zu machen. Kurz vor 12 Uhr muss man kein schlechtes Gewissen wegen Hunger haben.
Ganz dicht am Wasser ist ein Aussichtspunkt mit Tisch und Bänken und ringsum laden Baumstämme zum Verweilen ein.
Unmittelbar unter dem Aussichtspunkt tropft oder fließt das Quellwasser in den See. Seit vielen Jahren ist es übrigens bei den Angermündern Tradition, am Ostersonntag in aller Frühe hier Osterwasser zu schöpfen.
Einem MOZ-Artikel vom 23.4.2011 über die Rekonstruktion der Adlerquelle kann man entnehmen, wie die Quelle zu ihrem Namen kam. Als die Torpfeiler des bereits abgetragenen Berliner Stadttores [in Angermünde] abgerissen wurden, kamen die beiden Adler, die darauf thronten, als Schmuck hierher. Nach dem 1. Weltkrieg verschwanden sie - der Name der Quelle blieb jedoch. (Lt. Wikipedia kam jedoch 1879 nur einer der beiden Adler hier her.)
Eine ortskundige Pilgerin wusste zu berichten, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Sees bis 1989 ein großes Gelände eingezäunt und für die Allgemeinheit unzugänglich war, weil Erich Mielke dort einen Jagdsitz hatte.
Es handelte sich um ein 1826 von Generalmajor von Rohr erbautes und 1934 durch einen Neubau ersetztes Jagd­schloss, das nach dem Krieg Sitz des volkseigenen Gutes war und 1960 in die Hände der Staatssicherheit geriet.
Dem gemeinen Volk blieben damals wenigstens das Flanieren auf dem Knöterich- oder dem Buschwindröschenweg im Wald und die winterlichen Freuden auf der Rodelbahn ...
Ab der Adlerquelle ging es noch etwa eineinhalb Kilometer parallel zum Ufer, wobei nur an wenigen Stellen wie hier an den abgestorbenen Bäumen (rechts) ein Blick auf den See möglich war. Abgestorbene Bäume, welche die letzten Stürme nicht überlebt haben, fanden sich auch immer wieder quer über dem Wanderweg (oben), weshalb man den nicht unbedingt für Radfahrer empfehlen kann.
Dann bog der Weg scharf nach links ab, weg vom Ufer. Nach etwa fünfhundert Metern war dann an einer Weggabelung Sammeln angesagt. Die Pilgergruppe hatte sich inzwischen in viele einzelne Grüppchen aufgeteilt, die unterschiedlich schnell liefen. Manche miteinander plaudernd, andere stillschweigend. Wem das Eine nicht passte, der brauchte sich nur ein paar Meter zurückfallen lassen oder vorauseilen, um zu einer Gruppe mit anderen Präferenzen zu stoßen.
Vom Sammelpunkt aus ging es nach rechts in Richtung Westen, immer weiter durch den Angermünder Stadtforst.
Am Abzweig nach Luisenhof ging es weiter geradeaus, dem Schild nach Altkünkendorf (noch 3,5 km) folgend. Dort wo man sich möglicherweise hätte verlaufen können, stand Frank (links) als lebender Wegweiser am Wegesrand.
Lars (oben) machte zwischendurch mal einen verunsicherten Eindruck. Ob er sich von den mitunter fratzenhaft aussehenden Bäumen (oben links) beobachtet fühlte, oder darüber nachsann, wie man an den Bäumen die roten und orangen Wegmarkierungen (oben rechts) auseinander halten soll. ist nicht bekannt. Nach 3,5 km ab der Adlerquelle war es so weit: Der Weg trat aus dem Wald heraus und zur Begrüßung lachte die Sonne vom Himmel.
Das war der perfekte Ort und Zeitpunkt für eine kurze Rast.
Dabei bot sich eine gute Gelegenheit, Marias Rucksack mit der riesigen Jakobsmuschel zu bestaunen. Beides hat sie im Sommer dieses Jahres auf Pilgertouren über 1300 km kreuz und quer durch Ostdeutschland geschleppt und dabei nichts an guter Laune eingebüßt. Alle Achtung!
Ab dem Waldrand führte der Weg ziemlich geradeaus weiter, bis er wieder an den Wolletz­see stieß. Wie unser Weg hatte das Seeufer eine S-Kurve gemacht und gönnte uns nun immer wieder neue Blicke auf den nach der Wassersportsaison unberührt daliegenden See.
Der Weg verlief nun am Feldrain und dort, wo Bäume den Blick zum Wasser verwehrten, konnte man sich an deren herbstlicher Färbung erfreuen. Und auch einige gelb, orange und braun gefärbte Solitäre auf den Feldern waren ein Labsal für die Augen und ließen die immer dunkler werdenden Wolken am Himmel vergessen. Alsbald machte der Weg eine Linkskurve, endgültig weg vom Wolletzsee und direkt nach Altkünkendorf gerichtet.
Ein überdachter Rastplatz ließ die Überlegung aufkommen, ob man dort den scheinbar unvermeidlichen Regen abwartet.
Aber zum Glück ist niemand dieser Versuchung erlegen. Nach ein paar hundert Metern auf einer richtigen Allee hatten wir ganz trocken den 200-Seelen-Ort Altkünkendorf erreicht, was bei manchen wahre Freudentänze auslöste.
Gleich am Ortseingang erwartete uns eine riesige Eiche und sofort wurde probiert, wie viele Männer oder Frauen man braucht, um sie zu umfassen. Ich weiß nicht mehr, was dabei herauskam, aber es wurden ziemlich viele benötigt.
Auf dem Anger neben der leider verschlossenen Kirche trafen wir auf einen Rastplatz neben dem Besucherzentrum.
Während manche Pilger Brotbüchsen und Trinkflaschen herausholten, schauten andere kurz in das kleine Museum des Besucherzentrums, das dem Grumsiner Buchenwald gewidmet ist. Gut frequentiert waren auch die Toiletten des Besucherzentrums, deren mit Klogeld-Automaten versehene Türen gar keine Gelegenheit hatten, ins Schloss zu fallen.
Nach einem kurzen Stück entlang der Landstraße nach Süden ging es links ab, hinein in den Grumsiner Buchenwald.
„Hinein“ ist in diesem Falle allerdings nicht ganz korrekt, denn der innere Bereich des Waldes ist Schutzgebiet und darf nicht betreten werden. Alle Wanderwege wie der unsrige führen am Kerngebiet vorbei. Aber auch hier kommt man ins Staunen.
Der 590 Hektar große Grumsiner Buchenwald ist Teil des über 6000 Hektar großen Natur­schutzgebietes „Grumsiner Forst / Redernswalde“. Zum Ende des 16. Jahrhunderts diente das Gebiet der Jagd und wurde weiträumig eingezäunt. An seinem Rande entstanden kleine Siedlungen wie Grumsin, in denen die Zaunsetzer und -wärter wohnten.
Im Jahre 2011 wurde der Grumsiner Buchenwald zusammen mit 93 anderen europäischen Buchenwäldern zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt. Er ist seit 1990 ohne land- oder forst­wirtschaftliche Nutzung und der natürlichen Waldentwicklung überlassen. Die vielen kleinen Moore und Erlenbrüche bieten Raum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. Sogar Seeadler sind hier heimisch. Ob die Waldbesucher im Sommer über die unlängst hier entdeckten fünf neuen Mückenarten genau so beglückt sind wie die Naturforscher, ist aber fraglich.
Dank der vielen umgestürzten und ihrem natürlichen Schicksal überlassenen Bäume finden sich im Wald viele gute Rastmöglichkeiten. Eine davon haben wir genutzt, bevor wir den Wald verlassen und dabei die Grenze der Uckermark zum Barnim überschritten haben.
Nun waren es nur noch etwa 2 Kilometer auf Feldwegen bis zu unserem Ziel, Groß-Ziethen. Die Wolken hatten sich zwar nicht verzogen, wiesen aber größere Lücken auf und sahen längst nicht mehr so grau aus wie vor ein paar Stunden.
Zum Glück sind wir auch im richtigen Groß-Ziethen gelandet, denn Orte dieses Namens gibt es mehrere in Brandenburg.
Schräg gegenüber der Dorfkirche war unser Domizil, das ehemalige Pfarrhaus, das erst vor kurzem zum „Gemein­schafts­haus für Jugend-, Senioren- und Vereinsarbeit“ ausgebaut wurde und nun auch als Pilgerherberge dient.
Die Hausherrin, Pfarrerin Cornelia Müller, die wir am Morgen kennengelernt haben, hat uns dort sehr herzlich begrüßt.
Nun hieß es, sich im Haus ein Plätzchen zu suchen, wo man vor Schnarchern geschützt ist oder andere vor dem eigenen Schnarchen bewahrt. Wer kein festes Bett erwischt hat, stand anschließend vor der Herausforderung, sein Feldbett aufzubauen, was oft nur in Gemeinschaftsarbeit gelang, da diese noch sehr neu und widerspenstig waren.
Danach war bis zur Abendandacht in der Dorfkirche noch eine gute halbe Stunde Zeit - Zeit genug, um sich kurz im Dorf umzusehen und zum Geopark-Zentrum zu laufen, wo es auf dem Hof einen Pilgerpass-tauglichen Stempel des Jakobsweges auf der Via Imperii von Stettin nach Berlin gibt.
Zusammen mit dem im Pfarrhaus erhältlichen Stempel des Hugenottendorfes Groß-Ziethen macht sich der Stempel mit dem Mammut des Geoparks richtig gut im Pilgerpass.
Für 18 Uhr war eine Abendandacht in der Groß-Ziethener Dorfkirche angesetzt. Darauf, dass wir uns in einem Hugenottendorf befinden, haben nicht nur der Pilgerstempel und das Schild an der Kirchentür hingewiesen, sondern auch Cornelia Müller in ihren einleitenden Worten.
Im 30jährigen Krieg wurde Groß-Ziethen geplündert und fast vollständig zerstört, „nur zwei Bauern und ein paar Witwen“ waren übrig, weshalb 1686 22 Kolonisten aus Nordfrankreich angesiedelt wurden, die ihren französisch-reformierten Glauben mitbrachten.
Hier und in den Nachbardörfern entstanden französsich-reformierte Kirchengemeinden, die jetzt noch existieren und im Pfarrsprengel über insgesamt 4 Gotteshäuser verfügen.
Was hier wie in der Angermünder Heilig-Geist-Kapelle sofort auffällt, ist die zentral an der Rückfront des Altarraumes angeordnete Kanzel, was deutlich macht, welche Bedeutung die Französisch-Reformierten der Verkündigung beimessen.
In der Kirche findet man zudem recht ausgefallenes Inventar wie das aus alten Deckenbalken gefertigte Lesepult.
Die Kriegergedenktafeln an den Wänden zeigen, dass hier französische Familiennamen sehr lange dominant waren.
Auf der Tafel mit den Gefallenen des Napoleon-Krieges 1813/14 tragen zum Beispiel vier der sechs Gefallenen französische Familienamen: Jean Coupré, Franz Ouart, David Vaqué, Peter Villain. 1914-18 sind es immerhin noch zwei (allerdings von 19): Peter Manoury und Willi Vaqué.
Auch jetzt soll es im Ort und in der Umgebung noch einige Familien mit französischen Namen geben.
Die kurze Andacht war ganz auf das Pilgern ausgerichtet und von Pilgerliedern umrahmt. Auch Pilger unserer Gruppe, die nicht viel mit Religion, geschweige denn mit Kirche im Sinn haben, sind da sicher nicht überfordert worden, sondern haben die Andacht und die Stille in der Kirche als einen guten Abschluss eines schönen Pilgertages angesehen.
Ganz zu Ende war der Tag aber noch nicht, denn anschließend wurde in der Herberge gekocht, geräumt, Buffet aufgebaut und dann gemeinsam gegessen. Bald danach bröckelte es aber in der Gruppe. Manche sind bald nach dem Abendbrot in ihre Schlafsäcke gekrochen, andere haben etwas mehr Sitzefleisch gezeigt. Immer wenn jemand ging, wurde enger zusammen gerückt, bis auch der letzte belegte Tisch sich leerte.
Es war ein schöner Tag mit vielen Erlebnissen, neuen Bekanntschaften, anregenden Gesprächen, aber auch Phasen der Stille, die sicher jedem gut taten.
Am nächsten Tag ging es dann weiter, von Groß-Ziethen nach Eberswalde.