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Unterwegs auf dem Camino Mozárabe von Málaga nach Mérida und weiter nach Badajoz | ![]() |
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Tag 5 (Mo, 20.4.2026) Von Villanueva de Algaidas nach Encinas Reales (16,6 km)
So richtig gut habe ich in der letzten Nacht nicht geschlafen. Ein Grund dafür war die Nachricht meiner schon erwähnten Pilgerbekanntschaft Tina, dass bei ihrem Aufenthalt in der Herberge von Villanueva nachts Obdachlose unerlaubt eingedrungen sind. Nun bin ich zwar prinzipiell dafür, dass die auch ein Dach über dem Kopf bekommen, wenn solches Pilgern gewährt wird, aber man weiß ja nicht, wie finster die Gestalten sind, die sich da heimlich Zutritt verschaffen. Die Tür hat zwar eine Unmenge an Schlössern, aber das einzige, das davon benutzt wird, lässt sich nicht nur mit einem Schlüssel, sondern auch per Zahlencode öffnen. Und den kann ja mal jemand verpetzt haben. Deshalb habe ich vorm Schlafengehen den Riegel vorgeschoben. Aber mit einer Gangster-Story im Kopf wacht man doch laufend auf.
Nur morgens bin ich nicht aufgewacht, zumindest nicht so früh wie üblich. Als ich kurz vor sieben wach wurde, bewegten sich gerade am anderen Ende des Schlafsaales Schatten an der Wand - das waren die beiden Letten, die schon am Packen waren. Ich bin dann auch raus, hab gepackt, mir einen Kaffee gemacht und gefrühstückt. Dann bin ich nach Entrichtung der üblichen 10 €-Spende aufgebrochen. Den Schlüssel habe ich wie von der Polizei befohlen in den großen gelben Postbriefkasten neben der Tür geworfen. Ich wollte es ja nicht glauben, als der Polizist mir das gestern aufgetragen hat und habe mit „Correos?“ nochmal nachgefragt, was deutliches Kopfnicken hervorgerufen hat. In einem solchen kleinen Ort stecken Post und Polizei vermutlich unter einer Decke und die Polizisten lassen sich den Schlüssel lieber vom Postboten bringen, als sich zur Herberge zu begeben und den Schlüssel dort aus irgendeinem Kasten zu holen. Clever! Die ersten Kilometer bis zum Nachbarort La Atalaya boten mal etwas Abwechslung, denn es ging auf einem schmale Pfad vorbei an einer historischen Ruine runter zu einem Fluss, der sich hier tief in den Felsen eingeschnitten hat. Wie leicht zu erraten ist, ging es aber auf der anderen Seite des Flusses wieder hoch. Und das sollte nicht der letzte Anstieg dieses Tages sein. Von den in La Atalaya wieder erreichten 500 m ging es hoch auf 700 m und dann runter auf 300 m, um hinter Cuevas Bajas den Río Genil zu überqueren und anschließend wieder auf 450 m hoch zu steigen. Für einen Alpinisten ist das nichts, aber für einen untrainierten Flachländler, der nur die etwa 100 Meter hohen Berliner Müggelberge zum Üben hat, ist das schon eine Herausforderung. Ich war deshalb gar nicht so böse, dass die heutige Etappe nur gut 16 km hatte. Obwohl, ein bisschen mehr hätte es schon sein können. Von der nächsten Etappe lässt sich jedoch nichts anhängen, weil es bis zum Etappenziel Lucena keine Orte und damit auch keine Unterkünfte gibt. Morgen werde ich vielleicht an die 20 km bis Lucena noch 11 km bis Cabra ran hängen, weil nur moderate Auf- und Abstiege angesagt sind und in Lucena mangels Herberge ein Hotel herhalten müsste. Aber zurück zum Weg. Als der 700-Meter-Pass überwunden war und der Abstieg nach Cuevas Bajas begann, fand sich am Weg ganz überraschend ein überdachter Rastplatz mit Bänken, Tischen und Infotafeln. Der war mir sehr willkommen. Auf einer der Tafeln war ausgeführt, dass sich zum Anfang des 19. Jahrhunderts in den seinerzeit dichten Wäldern am Río Genil Räuberbanden versteckten, was der Gegend den Namen „Höhle der Diebe“ eingebracht hat und zu einer Roman-Vorlage wurde. Außerdem war das Anlass, hier einen der ersten Guardia-Civil-Stützpunkte einzurichten. Das passt irgendwie zur schlaflosen Nacht … In Cuevas Bajas ging es erst nochmal hoch und dann steil runter ins Stadtzentrum, das um die Mittagszeit erstaunlich belebt war. Rings um die leider geschlossene Kirche luden mehrere Bars ein. Ich habe eine gewählt, die nicht nur eine hübsche Bedienung, sondern auch ein „Estrella Galicia“-Schild am Hahn hatte. Das ist hier selten. Meist kommt hier „Cruzcampo“ aus dem Hahn, was in etwa unserem „Sternburg“ entspricht. Wenn man was Gutes trinken will, muss man meist Flaschenbier wählen. Von der hübschen Kellnerin habe ich nicht viel gehabt, weil diese die ganze Zeit auf der Terrasse Stühle und Tische geputzt und arrangiert hat. Da es so nett aussah, wie sie unter dem Tresen hindurch kroch, um an den Zapfhahn zu kommen, habe ich diese Vorstellung noch ein zweites Mal gebucht, bevor ich wieder raus in die Hitze gezogen bin. Nach Überquerung des derzeit sehr friedlichen Río Genil ging es stetig bergauf. Irgendwann waren mal 13% Steigung angeschlagen. Links und rechts wieder nur Olivenhaine, später auch mal Plantagen mit Feigen (?). Nicht nur wegen der Steigung, sondern auch wegen der Neugier hat mein Aufstieg lange gedauert, denn ständig bin ich stehen geblieben, um den Blick auf den nun tief im Tal liegenden Ort und die Berge dahinter zu genießen.Leider hat man auch aus dieser Entfernung noch gesehen, welche Rauchschwaden die Bitumenfabrik von Villanueva de Algaidas ausstößt und wie die Rauch das ganze Tal ausfüllt. Mein heutiger Zielort, Encinas Reales, war vom Pass gut zu sehen gewesen. Aber beim Näherkommen war es plötzlich verschwunden. Der Ort kam erst wieder in Sicht, als die ersten Häuser fast erreicht waren. Im Ort angekommen, war es kurz nach zwei. Schlechtes Timing, den nun waren alle Geschäfte und Gaststätten geschlossen - bis auf eine Bar nahe am Rathaus. Wer meint, die wäre als einzig offene Bar überfüllt, der irrt. In der Mittagspause wird geruht. Da trinkt der Spanier offenbar der Anstrengung wegen nicht mal ein Bier. Der Wirt, der in der Mittagspause nicht nur sein einziger, sondern auch sein bester Gast war, hat sich durch meine Anwesenheit erst gar nicht und dann sichtlich gestört gefühlt. Er war nämlich dabei, die am Vormittag übrig gebliebenen Essensreste zu vertilgen. Ich habe aber hartnäckig an der Bar gestanden, bis er einen Blick auf mich geworfen und dann unwillig eine Flasche „Estrella Galicia“ aus dem Kühlschrank geholt hat. Während ich diese geleert habe, kamen die beiden Letten, die schon auf dem Polizeirevier waren, um sich den Herbergsschlüssel zu holen. Deren Insiderwissen nutzend bin ich auch zum Rathaus, wo die hiesige Ein-Mann-Polizei ihren Sitz hat. Erfreulicherweise war der Polizist nicht auf Verbrecherjagd, so dass ich schnell zu Schlüssel und Stempel kam. Die 7-Betten-Herberge befindet sich auf dem Gelände eines Klosters am Stadtrand und ist ganz brauchbar. Die Beiden haben ein Viererzimmer belegt, ich habe mir in einem anderen Raum ein Bett gesucht. Ich will ja morgen zeitig aufbrechen und dabei niemand stören. Auch ist noch nicht restlos geklärt, ob ich nachts schnarche. Als Küche hat die Herberge leider nur einen Kühlschrank und eine Mikrowelle zu bieten, kein Geschirr oder Besteck. Dafür hängt hier wie in den anderen kommunalen Herbergen ein Serverschrank an der Wand, in dem es permanent blinkt. Der Rechner darin dient offenbar nur dazu, ein daneben stehendes Info-Terminal mit Daten zu versorgen. Hier ist es wenigstens an, obwohl das Gebotene niemand interessiert, in den bisherigen Herbergen hat es nur einen schwarzen Bildschirm gezeigt. Man fragt sich, was dieser Aufwand soll, aber da ein Schild verrät, dass hier EU-Mittel verwandt wurden, verbietet sich die Frage nach dem Nutzen. Man soll ja nicht immer nur über das meckern, was es in der Herberge nicht gibt, sondern auch mal lobend erwähnen, was man hier hat, wonach sich andere sehnen. Zum Beispiel einen beleuchteten Duschkopf, der nicht nur die Farbe ändern, sondern auch blinken kann - je nachdem, wie weit man den Hahn aufdreht. Den hat bestimmt mal ein chinesischer Pilger (Temu?) gespendet. Es ist ein Wunder, dass die Menschheit bisher ohne sowas ausgekommen ist. Leider kann ich das Ding nicht fotografieren, ohne das Smartphone zu wässern. Solche tollen Ausstattungsstücke trösten einen doch darüber hinweg, dass es hier beispielsweise keinen Tisch gibt, an dem man essen könnte. Ein solcher würde den kleinen, als „Living Room and Kitchen“ deklarierten Raum ungemein aufwerten. Bisher stehen da nur ein Putzmittelschrank, der Kühlschrank, die Mikrowelle auf einem Beistelltisch und an der Wand vier Stühle. Bei gutem Wetter kann man aber auf einer der Parkbänke vor der Herberge essen, was ich mit den Letten zelebriert habe. Die beiden sind 60 und haben vor 15 Jahren auf dem Camino Francés angefangen und das Pilgern mit größeren Anständen immer für zwei Wochen fortgesetzt. Jetzt sind sie zum sechsten Mal auf einem Camino. Da nicht mehr Zeit ist, laufen sie aber nur bis Córdoba. Das haben sie mir vorhin erzählt, als wir uns bei dem mürrischen Wirt auf der Terrasse getroffen haben. Den wollte ich eigentlich nicht noch mal besuchen, aber nur bei ihm hing ein Schild „Free Wifi“ an der Tür. In der Herberge ist zwar auch tolles Internet, aber man hat versäumt, das Passwort kundzutun. In der Meinung, das vielleicht der Polizist mit dem Herbergsschlüssel was weiß, bin ich extra noch mal zum Revier gelaufen. Das stand offen, mit dem Autoschlüssel und Unterlagen auf dem Tisch, aber kein Polizist war da. Der saß plaudernd bei besagtem Wirt auf der Terrasse. Er wusste zwar auch nicht das Passwort, hat mir aber das Free Wifi-Schild an der Kneipentür gezeigt und mich damit indirekt zum erneuten Genuss eines Bieres verleitet. Ich kann ja nicht ohne Gegenleistung das Internet der Kneipe benutzen. Da es dann schon halb acht war, habe ich mich schnell auf die Suche nach einem Supermarkt gemacht, denn im Zentrum waren aus unerklärlichen Gründen alle Lebensmittelläden zu. Die Letten hatten die Suche schon aufgegeben. Ich bin aber noch bis zu einem in der Karte eingezeichneten „Eroski“ (hat nichts mit Eros zu tun) gelaufen. Der ist zwar inzwischen ein privater Laden mit miesem Angebot, aber ich habe was für die Mikrowelle gefunden. Das war nicht einfach, denn es musste je was sein, wofür man keinen Teller braucht. Da kam nur ein Becher mit Instant-Nudeln in Frage. Die waren zwar überteuert, aber zum Glück drei Tage über dem Haltbarkeitsdatum, weshalb ich sie umsonst bekommen habe. Nach dem Blick auf Fett- und Zuckeranteil gilt mein zweiter Blick immer dem MHD. Nur so kann man solche Schnäppchen schießen. |
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Camino Mozárabe - Tag 5 | ![]() |