Unterwegs auf dem Camino Mozárabe von Málaga nach Mérida und weiter nach Badajoz
Tag 6 (Di, 21.4.2026) Von Encinas Reales nach Cabra (31,7 km)
Meine Bettenwahl gestern in Encinas Reales war nicht ganz glücklich, denn in dem Raum, in dem mittig zwei Duschkabinen und links und rechts davon je ein Bett sind, gab es kein Fenster, wodurch die Luft schnell knapp wurde. Dazu kam, dass hier jemand vor nicht allzu langer Zeit die Stühle gestrichen hat und es deshalb jetzt noch nach Farbe roch. Das hat ganz schnell zu Kopfschmerzen geführt, weshalb ich mitten in der Nacht mit meiner Matratze in den Vorraum der Herberge gezogen bin, wo es ein Fenster gab und man Durchzug schaffen konnte. Dort habe ich dann ganz gut geschlafen.

Da ich heute etwas weiter laufen wollte, habe ich mich morgens nicht stundenlang gedreht, sondern bin um halb sechs aufgestanden und eine Stunde später losgezogen. Zuvor habe ich mir aber die Herberge, die in der Ecke eines ehemaligen Klostergeländes klemmt, von allen Seiten angeschaut. Da war ich ganz überrascht, dass auf der Höhe meines Schlaf­raumes ein Fenster ist. Das muss in der Duschkabine für Frauen sein. Da schau ich natürlich nicht rein, wenn niemand drin ist.

Leider war die Klosterkirche am Morgen nicht mehr angestrahlt. Als ich nachts umgezogen bin und draußen mal richtig durchgeatmet habe, was die sehr schön beleuchtet. Das war vermutlich noch für die Mütter gedacht, die spätabends dort mit ihren Kindern spazieren gehen. Während ich gestern Abend gegen halb neun draußen gegessen habe, flanierten da noch junge Mütter mit Kleinstkindern an der Hand durch den Park. Als der Revierpolizist mit seinem Auto stoppte und auf die Frauen zuging, dachte ich, dass er sie auf die überfällige Nachtruhe hinweisen will, aber nein, er hat den Kindern Süßigkeiten geschenkt.

Mein erster Gang führte mich morgens zum Polizeirevier im Rathaus, wo ich den Schlüssel in einen bestimmten Kasten werfen sollte. Das war kein Umweg, weil der Camino genau am Rathaus vorbei führt. Ab da ging es dann ziemlich steil bergauf und am Ortsausgang auf einer gut betonierten Straße weiter. Auf der lief es sich ganz gut, da hier kein Split auf der Fahrbahn lag, auf den man hätte achten müssen. So konnte ich mal in die Gegend schauen, was heute allerdings nicht viel gebracht hat, weil es verhangen war und man gar nicht weit schauen konnte. Die Bitumenfabrik, die in der Ferne immer noch zu sehen war, hat bestimmt auch noch dazu beigetragen. Der Sonnenaufgang ist also heute ausgefallen.

Beidseits der Straße gab es wieder nichts als Olivenbäume, mal alte einzeln stehend, mal neu Angepflanzte in Reih und Glied. Nach Unterquerung der Autobahn ging es weiter berg­auf und auf den Río Anzur zu. Kurz bevor der erreicht ist, macht die Straße einen Knick, vermutlich weil geradeaus keine Überquerung des Flusses möglich ist. Hundert Meter westlich biegt die Straße wieder in die ursprüngliche Richtung und stößt auf den Fluss. Hier ist nun leider keine Brücke, sondern eine betonierte Furt, in der das Wasser in etwa sechs Meter Breite und bis zu 20 cm tief ziemlich schnell fließt. Mit rüber hüpfen war da nichts und die Hosen hochzukrempeln hätte auch nicht gereicht. Es war eh fraglich, ob man bei der starken Strömung überhaupt durchwaten kann. Aber probieren kann und muss man das, denn es gibt auf vielen Kilometern Flusslauf keine andere Querungsmöglichkeit.

Ich hatte mich gerade darauf eingestellt, dass ich Schuhe, Socken und Hosen ausziehen und vorsichtshalber das Smartphone wasserdicht verpacken muss, da sehe ich im Olivenhain eine gelbe Rundumleuchte, die sich in meine Richtung bewegt. Und siehe da, an der Rundumleuchte war ein Traktor, der sich anschickte, die Furt zu passieren. Da habe ich schnell nach Tramper-Manier den Daumen hochgehalten. Die beiden Männer haben auch prompt angehalten und mich zu ihnen hochklettern lassen. So bin ich mühelos und schnell auf die andere Seite gekommen. Mit Schuhe aus- und -anziehen hätte das bei mir als altem Mann bestimmt eine halbe Stunde gedauert.

Hinter der Furt folgte der Weg einige Zeit dem Fluss und war deshalb ohne große Höhen­unterschiede. Und die unmittelbare Umgebung war abwechslungsreicher, weil sich immer wieder ein Blick auf den Fluss mit seinem üppigen Ufer-Bewuchs bot. Es war auch gut zu sehen, wie der kleine Fluss an seinen Ufern nagt und bereits einige Bäume hat umstürzen lassen.

Als der Weg wieder vom Fluss wegführte, ging es für 7…8 km auf einem geschotterten Weg moderat, aber permanent bergauf und zum Schluss wieder auf einer Betonstraße vorbei an einer recht übel nach Silage riechenden Biogasanlage und durch diverse Gewerbegebiete nach Lucena hinein. Als ich an dem Hotel vorbei kam, das vom Preis her für eine Über­nachtung in Frage gekommen wäre, war es gerade mal kurz nach zwölf. Da habe ich keinen Gedanken darauf verschwendet dort abzusteigen, zumal es da, eine halbe Stunde vom Stadtzentrum entfernt, ringsum nur Gewerbe gab.

In Lucena habe ich mir in der Touristeninfo einen Stempel geholt und mich kurz in dem „Palacio“ umgesehen, in dem sie untergebracht ist. Da hätte es auch ein Museum gegeben, aber so viel Zeit wollte ich nicht investieren. Von den vielen Kirchen im Ort war nur die große „San Mateo“-Kirche geöffnet, aber da hat man gerade das Licht ausgeschaltet und mich wegen der anstehenden Mittagspause vertrieben. Um den großen Platz vor der Kirche reihte sich eine Menge an Gaststätten. Da ich hungrig war und im Supermarkt nichts für unterwegs Geeignetes gefunden hatte, habe ich mich vor einer Gaststätte niedergelassen und was bestellt, was meiner Meinung nach schnell gehen müsste: Pommes mit Pulled Pork und mit Käse überbacken. Darauf habe ich dann aber eine ganze Weile gewartet. Die Portion war riesig und hat an sich ganz gut geschmeckt, nur die „Haus-Soße“, mit der alles durchtränkt war, hat etwas aufdringlich und scharf geschmeckt. Ein typisches Junggesellenessen. Auch Studenten sollen sich mit sowas am Leben erhalten.

Während ich beim Essen war, kam das lettische Ehepaar vorbei, das an diesem Tag nur bis Lucena wollte und vermutlich was gebucht hatte. Mit der Karte vor der Nase sind sie zielstrebig über den Platz geeilt und haben mein Rufen leider nicht gehört. Ich hätte doch zu gern gewusst, wie sie durch oder über den Río Anzur gekommen sind. Es war schon nach halb drei, als ich endlich weiter konnte. Es lagen noch etwa 11 km, also knapp drei Stunden vor mir, da war Bummeln nicht angebracht. Zum Glück ging es die ganze Zeit auf einem gut asphaltieren, aber nur wenig benutzten Radweg (Via Verde del Aceite) auf einem ehemaligen Bahndamm voran. Der ist naturgemäß ohne nennenswerte Steigungen und schlängelt sich durch die Landschaft. Mittendrin gibt es ein paar Brücken über teils ziemlich tiefe Schluchten. Es war sehr schön und entspannt, dort zu laufen, weil es zwar warm, aber bewölkt war und dadurch die Sonne nicht so herunter knallte.

Die (einzige) Herberge in Cabra, die ich auserkoren hatte, gehört zur Gaststätte „El Tren“ (der Zug), was vermuten lässt, dass sie am Bahndamm liegt. Und so war es auch. Man ge­langt vom Radweg direkt auf den überdachten und mit Kneipengestühl bestückten Bahn­steig des ehemaligen Bahnhofs „Cabra de Córdoba“, vor dem auf einem Gleisstück eine große alte Dampflok vom Typ „Mikado“ parkt.

Auch vor dem Gebäude stand Gestühl, aber sowohl die Tür zur Gaststätte, als auch die zur Herberge waren geschlossen und an der Wand klebte ein Zettel „Dienstag ist Ruhetag“. Davon stand aber weder was im Pilgerführer noch auf der Webseite der Gaststätte. Vielmehr stand da, dass das ganze Jahr geöffnet ist und dass es über zwanzig Betten gibt. Trotzdem hatte ich nach dem Abmarsch aus Lucena per WhatsApp angefragt, ob ich da übernachten kann, was allerdings unbeantwortet blieb. Nun war es um sechs und Zeit, sich um ein alter­natives Nachtlager zu kümmern. Ich habe zunächst nochmal eine WhatsApp an „El Tren“ hinterher geschickt und bekam die lapidare Antwort, dass die Herberge geschlossen ist, weil sie (die Dame hinter dem WhatsApp-Account) sich ausruhen müsse. Ob ich denn reserviert habe. Sie hätte bis vier gewartet, ob jemand kommt und sei dann gegangen. Da habe ich sie gebeten, im Chat nach oben zu scrollen, dann wird sie sehen, dass ich kurz nach drei reservieren wollte, aber niemand reagiert hat. Als Antwort kam, dass sie da wohl gerade Mittagspause gemacht hat … Sie hat sich dann aber erweichen lassen und angeboten, in einer halben Stunde da zu sein, wenn ich so lange warten will. Natürlich wollte ich das!

Ich bin schnell in den nächsten Supermarkt gelaufen, weil ich nichts mehr zu trinken hatte, und habe dann brav gewartet. Als die Dame dann kam, war ich eigentlich geneigt, für die Freundlichkeit ein üppiges Trinkgeld zu geben, aber als ich dann gesehen habe, dass die an sich ganz tolle, modern eingerichtete (kommunale) Herberge völlig unaufgeräumt war, Wäsche- und Geschirrberge rumstanden und die Mülleimer randvoll waren, habe ich mich doch etwas zurückgehalten und nur aufgerundet.

Vielleicht tue ich der Dame Unrecht, weil ich nicht weiß, ob sie nur den Schlüssel verwaltet, oder auch für das Putzen in der Herberge zuständig ist. Sollte Letzteres der Fall sein, dann wäre es angebracht gewesen, nicht nur auf Pilger zu warten, sondern derweil etwas Ordnung zu schaffen. Es ist traurig zu sehen, wie lieblos eine so schöne Herberge behandelt wird - im Übrigen auch von den Pilgern oder Wanderern, die hier ihre leeren Zahnpastatuben, abge­lösten Pflaster und Essensreste zurückgelassen haben. Die Einrichtung der nicht auf Pilger beschränkten Herberge hat der Stadt bestimmt eine Menge Geld gekostet, denn das zurückgesetzte Obergeschoss des Bahnhofs wurde dafür nicht nur ausgebaut, sondern auf beiden Seiten (nicht ganz denkmalgerecht) um Sanitärtrakte erweitert. Damit sollte man doch etwas pfleglicher umgehen.

Camino Mozárabe - Tag 6