Unterwegs auf dem Camino Mozárabe von Málaga nach Mérida und weiter nach Badajoz
Tag 9 (Fr, 24.4.2026) Von Castro del Río nach Santa Cruz (22,6 km)
Claine hat mich gestern noch gefragt, wann ich aufstehen will. „Um sieben“ habe ich ihm gesagt und er hat „um sechs“ gekontert. Aber weder kurz vor sieben, als ich aufgestanden bin, noch kurz nach acht, als ich los bin, war er aus dem Bett. Er hat nur verlauten lassen, dass er mit dem Bus nach Santa Cruz fährt, weil das Knie nicht besser geworden ist.

Durch die engen, steilen Gassen ging es raus aus Castro del Río und auf einem staubigen Weg in die Olivenhaine. Da habe ich wie schon gestern eine Oliven-Baumschule zu sehen bekommen. Arbeiter füllen da kleine Blumentöpfe mit einem Substrat, in das ein Setzling kommt. In Gewächshäusern stehen diese Töpfe mit jeweils einem einzelnen Stängel nach Größen, also nach Alter sortiert aufgereiht.

Auf dem Weg hat mich ein Traktor überholt, der eine Kiste mit etwa einen Meter hohen Stängeln geladen hatte, gefolgt von einem Auto mit vier Landarbeitern. Die konnte ich später noch dabei beobachten, wie sie auf einem kahlen, frisch gepflügten Hügel die jungen Bäum­chen pflanzten - in der klassischen Methode, das heißt weit auseinander. Gegenüber war eine Neuanpflanzung, bei der die Bäumchen dicht aneinander gereiht standen. Hier wird später bestimmt maschinell geerntet.

Nach etwa zwei Stunden kam zwischen zwei Hügel ein dritter, dicht bebauter mit einer Burg auf der Spitze ins Blickfeld: Espejo. Das war sehr eindrucksvoll und auch in der Stadt gab es ein paar nette Ecken. An einem großen, lang gestreckten Platz habe ich mir ein zweites Frühstück einverleibt und dann ein paar zusätzliche Höhenmeter in Kauf genommen, um mir die Burg aus der Nähe anzusehen.

Auf dem Weg dorthin bin ich an einer Touristen-Info vorbei gekommen, die (wie in den anderen Orten) mit „Information al Peregrino“ (Info‘s für Pilger) wirbt, aber geschlossen hat. Das war insofern ärgerlich, weil ich mir hier Hilfe bei der Reservierung einer Unterkunft in Villaharta für Sonntag abend erhofft hatte. Da steht nämlich im Pilgerführer, dass man bis Freitag 15 Uhr im dortigen Rathaus anrufen muss, wenn man am Wochenende in der Herberge übernachten will. Eine der angegebenen Nummern ist zwar eine mobile, aber sie ist nicht bei WhatApp registriert. Ich habe da morgens eine SMS hingeschickt und weil keiner reagiert hat, später eine Email an die Rathausadresse. Da wieder keine Reaktion kam, habe ich die Tourismus-Seite des dortigen Rathauses aufgerufen und dort auf einem Kontakt­formular meine Anfrage bzgl. des Herbergsschlüssels im Abstand von zwei Stunden auf Spanisch und Englisch hinterlassen. Aber alles, was da elektronisch im Rathaus ankommt, wird offenbar gleich in den Papierkorb weitergeleitet. Da blieb nur noch das Anrufen und wie nicht anders zu erwarten, war am anderen Ende jemand, der kein Englisch spricht. Aber immerhin hat er versucht, mich an einen Sprachkundigen weiterzuleiten, was jedoch nicht geklappt hat.

Nun hatte ich gehofft, dass mich in der Touristeninfo jemand versteht und freundlicherweise für mich in Villaharta anruft. Die Touristeninfo war aber wie gesagt geschlossen. Im Haus war allerdings ein Büro der Stadtwirtschaft und da bin ich auf zwei nette Mitarbeiter gestoßen, die für mich angerufen haben. Das Ergebnis war eine Mobilfunknummer, unter der jemand zu erreichen ist, der Englisch kann - da ging nur leider niemand ran und auf meine WhatsApp hat auch niemand reagiert. Später hat es dann geklappt. Der Herr, den ich dran hatte, hat mich an eine leidlich Englisch sprechende Dame weitergereicht, die sich mein Ankunfts­datum notiert hat und sagte, dass ich die gleiche Nummer anrufen soll, wenn ich angekom­men bin. Ihr Freund, dem offenbar das Handy gehört, wohnt in der Nähe der Herberge und hat den Schlüssel. Da ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, dann wenn nicht gerade seine Nummer an der Herbergstür steht, würde ich am Sonntag niemand erreichen, der mir aufschließt. So, das war jetzt sehr umfänglich, aber die Prozedur war ja auch sehr mühselig.

Beim Verlassen des Hauses lief ich noch einem Polizisten in die Arme, der dort sein Revier hat. Der fragte von sich aus, ob ich einen Stempel haben will. Alles nette Leute in Espejo!

Burg und Kirche waren leider nicht zu besichtigen, aber von einer Terrasse zu Füßen der Burg hatte man einen schönen Ausblick - auf endlose Olivenhaine. Als ich aus der Stadt raus war, habe ich mich leider viel zu spät mal umgedreht, denn von dieser Seite war die Stadt auf dem Berg noch eindrucksvoller. Es ging dann heftig bergab und gleich wieder hoch. Vom nächsten Hügel war der Anblick noch großartiger, aber auf den Bildern sieht man ja leider kaum was von den Höhenunterschieden. Nun ging es für drei Stunden auf einem staubigen Weg durch die Olivenhaine, wobei hier ein paar kahle Hügel dazwischen waren, die offenbar neu bepflanzt werden sollen. Und ganz vereinzelt waren auch Getreidefelder zu sehen.

Und es war Stille, was sicher nicht nur meiner Schwerhörigkeit geschuldet ist. Ohne Tinnitus wäre auf dem ganzen Weg nichts zu hören gewesen, sogar der Kuckuck, der sonst laufend seinen Namen mitteilt, hat mal seinen Schnabel gehalten. Hier fühlt man sich zudem weitab jeder Zivilisation. Mitunter gab es sogar Blickwinkel, in denen keine Freileitungen und Funk­masten das Auge trübten. Das findet man in Spanien selten.

Kurz bevor die Straße erreicht war, die nach Santa Cruz führt, stand ich plötzlich wieder vor einer Furt: ein paar Meter breit und mehr als knöcheltief. Ich habe einen Moment gewartet und nach einem rettenden Traktor Ausschau gehalten. Da keiner kam, habe ich mir notge­drungen Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Hosen hochgekrempelt. Im Nu war ich durchs Wasser durch und das war richtig angenehm. Unangenehm wäre es aber gewesen, danach mit geschwollenen Füßen wieder in die Schuhe zu steigen. Deshalb habe ich meine eigentlich als Hausschuhe dienenden Sandalen angezogen und die Schuhe mit den Mini-Karabinerhaken aus dem „Tedi“ am Rucksack befestigt. Es war ja nicht weit bis zur Straße, auf deren Randstreifen es bis in den Ort ging oder besser bis zu dem Hotel-Restaurant „Casa José“, das mit der Muschel und dem Schriftzug „Hostel“ um Pilger wirbt, die hier tatsächlich auch einen guten Rabatt erhalten. Ich habe da vorher angerufen und ein recht ordentliches Zimmer mit eigenem Bad für 28 € bekommen, so wie es im Pilgerführer steht.

Ich wollte eigentlich gleich nach der Ankunft was essen, aber von der langen Tapa-Liste überm Tresen gab es nur Schinken, Wurst, Käse und Tortilla. Ich habe mir eine Tortilla (Omelette) kommen lassen, denn das Andere schleppe ich ja abwechselnd im Rucksack mit mir rum. Aber so richtig hat mich das nicht überzeugt. Ich bin dann noch eine Runde durch den Ort gelaufen und habe wie ein französisches Pilgerpaar, das ebenso suchend unterwegs war, keinen Einkaufsladen und keine alternative Gaststätte gefunden. Die Restaurants, ehe­mals drei, jetzt nur noch zwei, stehen alle an der Nationalstraße N-432, die den Ort tangiert. Auf dem Rückweg bin ich dann aber direkt neben dem Hostel auf einen Tabak-Laden gestoßen, der neben Zigaretten auch ein Regal mit Chips und einen Kühlschrank mit Bier zu bieten hat. An letzterem habe ich mich bedient, damit mir jetzt beim Schreiben nicht wegen trockener Zunge die Worte fehlen.

Um halb acht bin ich dann wieder runter in die Gaststätte bzw. auf die Terrasse, um von meinen italienischen Freunden Abschied zu nehmen, die sich auch hier einquartiert haben. Die werden morgen später aufbrechen, weil sie nur bis Córdoba laufen und dann nach Málaga fahren, um zurück nach Rom zu fliegen. Sie sind nicht nur Freunde, sondern auch Kollegen - Justizbeamte, wie sie mir mit gespreizten, zum Gitter gekreuzten Fingern vorm Gesicht deutlich gemacht haben. Sie sind beide 55 und müssen als Justizbeamte nur noch 5 Jahre arbeiten.

Bestellt hatten sich die beiden drei Gerichte: gebratene Wachteln, Ochsenschwanz und eine Art Wurst mit Oktopus dazu. Ich habe mir nur zwei Tapas bestellt. Das erste hatte ich mir schon am Nachmittag rausgesucht: „Callos Caseros“. Das Übersetzungsprogramm hat mir das als „Hausgemachte Hühneraugen“ angeboten. Das klingt doch interessant. Google hat es dann in „Kutteln“ abgeschwächt, also Mägen von Wiederkäuern, zum Beispiel Pansen, was auch nicht jedermanns Sache ist. Das Fleisch ist durchaus gewöhnungsbedürftig, aber die Soße ist großartig. Gut, dass es dazu Weißbrot gibt, mit dem man den letzten Tropfen aus dem Schälchen kriegt. Im zweiten Schälchen war „Salmorejo“, eine Suppe mit Schinken und Eiern, wie mir Claine zuvor erklärt hat. Die Suppe war dann aber eine zähflüssige Art Gazpacho und darauf lagen ein Häufchen Speckwürfel und Schnipsel von einem hart gekochten Ei. Biolek hätte dazu „interessant“ gesagt.

Camino Mozárabe - Tag 9