Unterwegs auf dem Camino Mozárabe von Málaga nach Mérida und weiter nach Badajoz
Tag 16 (Fr, 1.5.2026) Von Castuera nach Campanario (22,1 km)
Bei der Aufzählung meiner abendlichen Aktivitäten habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich natürlich auch Wäsche gewaschen habe. Große Wäsche, komplett per Hand! Ich kann ja nicht mit solchem Biergeruch durch die Gegend laufen, womöglich treffe ich auf jemand, der „Mahou“ und „Estrella Galicia“ am Geruch unterscheiden kann. Dank der kräftigen Sonne und des frischen Windes waren die Sachen auf dem Hof schon am Abend trocken.

Heute früh hat sich Diego wieder um sechs aus dem Bett geschlichen. Der Rucksack stand bereits fertig gepackt in der Küche. Da ich eh wach war, habe ich ihm beim Frühstück Gesellschaft geleistet. Bei ihm bestand das aus Schoko-Donuts und Mandarinen, bei mir aus einem Burger-Brötchen mit Streichwurst aus der Büchse. Um dem zwar leckeren, aber morgens nicht ganz passenden „Chili con Carne“ zu entgehen, wollte ich mich eigentlich nach dem Packen auch gleich auf den Weg begeben, aber da stand Veronika plötzlich in der Küche und manövrierte den Topf aus dem Kühlschank auf die Herdplatte. Zu spät. Nun gab es also gleich im Anschluss an das erste Frühstück ein zweites. Da wir den Rest von gestern nicht geschafft haben, hat Veronika noch ein Glas gefüllt und im Rucksack versenkt. Das Abendbrot ist damit gerettet, sofern es in der angesteuerten Herberge Herd oder Mikrowelle und etwas Geschirr gibt. Nach der morgendlichen Völlerei bin ich aufgebrochen, Veronika erst später, weil sie noch packen musste.

Auf dem Weg war anfangs gar nichts los, aber gegen elf kamen von vorn und von hinten laufend Autos, die mich je nach Fahrstil immer in eine mehr oder weniger dichte Staubwolke gehüllt haben. Die meisten hatten Anhänger dran, beladen mit Hunden, Pferden oder Gartenmöbeln. Auf der Höhe des ehemaligen Bahnhofs von Quintana war auf einer Weide mit Bäumen mächtig was los. Da wurden Partyzelte aufgebaut und unter den Bäumen Tische und Stühle aufgestellt. Die Leute schienen nicht alle zusammen zu gehören, aber wahr­scheinlich ist es üblich, dass man sich am ersten Mai hier trifft und gemeinsam einen schönen Tag verbringt. Auf dem eingezäunten Gelände des gut hergerichteten, aber nicht mehr benutzten Bahnhofs stand auch ein großes Festzelt. Da war aber niemand zu sehen. Ob beides miteinander zu tun hat, weiß ich nicht.

Etwa zur Mittagszeit, nachdem ich ein schönes Päuslein gemacht hatte, habe ich Veronika weit hinter mir gesehen. Auf einer Anhöhe, wo ein schattiger Steinhaufen unter einem Baum förmlich dazu einlud, habe ich erneut Rast gemacht, um auf sie zu warten. Aber sie kam nicht. Stattdessen kam irgendwann ein Auto, hielt in einer Senke und der Fahrer suchte die Umgebung ab. Da durchzuckte es mich: Hat der etwa eine Leiche auf der Rückbank, die er hier entsorgen will? Sehen konnte er mich nicht und andere Zeugen hätte es nicht gegeben. Ich wollte mich gerade vorsichtig anschleichen, aber da erschien in der Kurve hinter dem Auto ein Rucksack mit einem Mensch vorne dran. Die Vermisste war da, sie hat nur zwischendurch Pause gemacht.

Den Rest des Weges sind wir dann mehr oder weniger zusammen gelaufen. Der Weg war über die gesamten 20 km breit und gut befestigt. Nur lag wieder Sand auf hartem Grund, so dass man leicht ausrutschen konnte, und mitunter schauten auch Steine aus dem Boden, weshalb es geboten war, immer mal nach unten zu schauen. Der Blick nach beiden Seiten war aber viel schöner. Da dominierten heute Getreidefelder, deren Farben von grün bis goldgelb reichten. Dazwischen immer wieder stark belaubte Bäume. Das waren die mit den kleinen, stachligen Blättern, wobei es sich lt. Google um Steineichen handelt, „Quercus ilex“ für den, der nur die lateinischen Baumnamen kennt.

Der Ort Campanario erwies sich als größer als erwartet. Bis ins Zentrum war es ein ganzes Stück zu laufen. Da warteten eine (leider verschlossene) eindrucksvolle Kirche und ein paar schöne Häuser auf uns. Wie erwartet waren ringsum am 1. Mai alle Geschäfte zu, leider auch alle Bars. Ein Stück weiter, schon wieder aus der Stadt raus, war dann schon von weitem Kneipenlärm zu hören. Vor der Bar waren alle Tische besetzt, aber drinnen war noch Platz am Tresen. Da haben wir den am Tage eingeatmeten Staub herunter gespült. Bei Überreichung der auf 1,30 € pro 0,33 Liter im tiefgekühlten Glas und inklusive Tapa lautenden Rechnung haben wir uns geärgert, dass wir den Staub der vorangegangenen Tage vergessen haben.

Um dreiviertel vier waren wir am Polizeirevier gegenüber der Sporthalle, in der sich die Herberge befindet. Dort standen zwar zwei Polizeiautos vor der Tür, aber niemand war da. Beim Anruf der am Revier und an der Herberge angeschlagenen Nummer kam nur eine automatische Ansage, dass man bei Bedarf genau diese Nummer anrufen soll. Kein Anrufbeantworter oder so. Die Nummer ist zwar bei WhatsApp registriert, aber auf meine Nachricht hat niemand reagiert.

Da die Autos vor der Tür standen, konnten die Polizisten nur zu Fuß unterwegs sein. Weil zu hören und zu sehen war, dass neben der Sporthalle, in der sich die Herberge befindet, ein Volksfest ist, habe ich vermutet, dass die Polizisten dort unterwegs sind. Nun haben wir uns getrennt. Veronika hat mit den Rucksäcken vorm Revier gewartet und ich bin das ganze Festgelände, bestehend aus Rummel, Fressmeile und Festhalle mit Bühne abgelaufen, hab aber keinen Polizisten angetroffen, auch nicht auf dem angrenzenden Parkplatz. Zurück zur Herberge hatten sich schon drei ältere Damen eingefunden, die Veronika angesprochen haben und uns behilflich sein wollten. Die konnten aber auch nichts erreichen. Also haben wir nach einer Weile Warten die ganze Prozedur wiederholt.

Als ich vom Festgelände zurückkam, stand Veronika ganz überraschend in der offenen Herbergstür und winkte mit einem Schlüssel. Sie war beim Warten auf die Idee gekommen, doch mal in den Briefschlitz zu greifen und hat dabei den von einem Vorgänger eingewor­fenen Schlüssel herausangeln können. Als wir drin waren und unsere Sachen ausgepackt haben, habe ich noch gelästert, dass wir keine Angst vor der Polizei haben müssen, weil die ja nicht da ist. Und prompt stand ein Polizist in der Tür und hat uns ins Polizeirevier abgeführt - wo wir Stempel und offiziell Schlüssel bekamen. Dass wir uns schon einen auf beschriebe­nem Wege besorgt hatten, hat der Polizist offensichtlich als eine gute Idee angesehen. Es ist sicher kein Zufall, dass der Polizist kurz vor fünf, also zum Ende der üblichen Siesta, er­schien. Er hat sicher zuhause ein Schläfchen gemacht und dabei das Telefon ausgeschaltet.

Die Herberge ist wirklich sehr spartanisch, aber ausreichend ausgestattet: drei Doppelstock­betten, Tisch mit Stühlen und außer dem im Pilgerführer genannten Kühlschrank eine Mikrowelle, zwei Teller, etwas Einwegbesteck und sogar eine Waschmaschine! Meine Hose hätte zwar schon wieder eine Wäsche nötig, aber da hier kein Wäschetrockner ist, habe ich das auf morgen verschoben.

Diego ist uns heute verloren gegangen. Der hat vermutlich die in einem ehemaligen Bahnhof ein Stück außerhalb der Stadt und nicht direkt am Camino gelegene private Herberge gewählt. Aber morgen werden wir uns wohl wiedertreffen, wobei da die Herbergslage etwas schwierig ist. Am eigentlichen Zielort, Don Benito, gibt es als Herberge nur eine Obdach­losen-Unterkunft der Caritas. Das Publikum würde mich nicht stören, aber ich befürchte, dass man da wie in Albacete, wo ich das mal probieren wollte, abends um zehn kommen und schauen soll, ob ein Bett frei geblieben ist. Als Alternative gibt es ein paar Pensionen in der Stadt, von denen die preiswerten am langen Wochenende natürlich ausgebucht sind. Da werde ich vermutlich in La Haba, gut sieben Kilometer vor dem eigentlichen Etappenziel, in der sehr ordentlich erscheinenden Herberge absteigen und die sieben Kilometer an die nächste Etappe ran hängen.

Camino Mozárabe - Tag 16