Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 0 (So, 30.8.2026) Anreise von Berlin nach La Roda
Liebe Freunde und Verwandte, wenn ich mich in dieser Chat-Gruppe melde, steht wieder eine Pilgertour an. Ich sitze am BER und warte auf meinen Ryanair-Flug nach Madrid. Von dort werde ich mit dem Zug bis La Roda (bei Albacete) fahren und dann meine im Januar begonnene Pilgertour auf dem Camino del Sureste fortsetzen, der westlich von Madrid über Toledo und Ávila nach Santiago de Compostela führt. Soweit werde ich aber nicht laufen. Ich bin schon einige Male dort gewesen, da muss ich mich nicht in das Gedrängel kurz vor Santiago einreihen. Wenn ich soweit komme, werde ich in Medina del Campo entscheiden, ob ich weiter auf dem Camino del Sureste bis nach Astorga laufe, oder dem Camino de Levante folgend nach Zamora, was drei Tage spart. In beiden Fällen stoße ich auf bereits gelaufene Wege, in Astorga auf den Camino Francés und in Zamora auf die Via de la Plata. Bis Astorga wären es etwa 630 km, bis Zamora 550 km. Egal, wo ich lande, geht es dann mit Bus oder Bahn zurück nach Madrid, von wo ich am 23. September nach Hause fliege.

Wie weit ich komme, wird wohl hauptsächlich von den Temperaturen abhängen. Nachdem es im Juli in Zentralspanien so furchtbar heiß und brenzlig war, gingen die Temperaturen Anfang August ein paar Grad runter. Die Freude darüber währte aber nicht lange, denn inzwischen sind an meiner Strecke schon wieder Temperaturen bis 35 Grad. Das ist doch etwas ungewohnt. Da werde ich auf jeden Fall morgens immer zeitig loslaufen, um in der Mittagshitze Siesta machen zu können. Das Problem ist nur, dass es in Spanien so spät hell wird, momentan ist in Albacete um 7.34 Uhr Sonnenaufgang, bei uns hingegen um 6.15 Uhr. Da wird wohl wieder die kleine, praktische LED-Leuchte zum Einsatz kommen, die man sich an den Gürtel klemmen kann. Sofern nicht der Bauch über der Lampe hängt, kann man mit ihr sehr gut den Weg ausleuchten.

Mit Bergen werde ich nicht so sehr zu kämpfen haben, nur kurz vor Ávila geht es mal durchs Gebirge, dort allerdings ziemlich heftig, hoch bis 1300 m. Mein Gepäck wird mir beim Bergsteigen hoffentlich nicht zu schaffen machen. Der gepackte Rucksack wiegt 4,5 kg und zusammen mit der Bauchtasche, den Smartphones, Schuhen und allen Sachen am Leib sind es 7,3 kg. Der Rucksack ist wieder auf das strenge Ryanair-Unter-dem-Sitz-Format von 40x30x20 cm (24 Liter) getrimmt, um Gepäckgebühren zu sparen. Die Kosten für die Sitzplatzwahl habe ich auch gespart und trotzdem einen Fensterplatz im vorderen Teil bekommen.

Ich hoffe, dass mein Flug nach Madrid pünktlich ist, denn dort habe ich nur knapp zwei Stunden Zeit, bis der Zug nach La Roda geht und der Bahnhof Atocha liegt am anderen Ende der Stadt. Das Zugticket habe ich noch nicht gebucht, denn das ist zuggebunden und somit umsonst gekauft, wenn man den Zug verpasst. Geplant ist ein Zug um halb drei, der um fünf in La Roda ist. Der nächste kommt erst um neun an. Ich habe zwar per WhatsApp einen Platz in der dortigen Herberge reserviert, aber es wäre mir peinlich, so spät abends jemand mit dem Schlüssel kommen zu lassen.

15.00 Uhr. Der Flieger war super pünktlich. Um 8.40 Uhr ging das Boarding los, um neun war Einstieg, eine viertel Stunde später saßen alle und pünktlich um 9.30 Uhr ist der Flieger auf die Startbahn gerollt. Der Flug war sehr ruhig, trotzdem ging immer mal das Anschnall­zeichen an.

Über Frankreich war alles voller Wolken, hinter den Pyrenäen gab es nur noch ein paar kleine Wölkchen und dann gar nichts mehr dergleichen. Der Boden sah nun aus wie ein Mosaik: lauter kleine, bunte Felder und dazwischen ein paar Dörfer und einzelne Berge oder kleine Bergketten. Die waren meist mit Wald bestanden, von dem etwa die Hälfte völlig verbrannt oder zumindest vom Brand geschädigt aussah. Das war im Nordosten von Madrid. Den Nachrichten zufolge hat es im Westen der Stadt, wo ich laufen will, noch heftiger gebrannt. Wälder bei Toledo und Avila wurden da immer genannt. Ich hoffe, das geht nicht wieder los.

Die Ankunftszeit des Fliegers in Madrid war 12.45 Uhr, aber schon um 12.20 Uhr hat er aufgesetzt. Zur geplanten Ankunft bin ich bereits durch die Halle geirrt. Die Beschriftung ist da einigermaßen miserabel und vom Personal spricht kaum einer Englisch. So bin ich auf meine Frage nach dem Ausgang zu einer Menschenmenge geschickt worden, die an einer Passkontrolle anstand. Ich habe mich schon über die Einreisekontrolle gewundert, bis mir der Polizist am Schalter klar gemacht hat, dass ich falsch bin.

Ich hätte mir natürlich denken können, dass es durch den Duty Free zum Ausgang geht. Da waren anfangs auch noch Schilder, die auf einen Bus verwiesen, plötzlich gab es nur noch Hinweise auf den Shuttle-Bus, der zwischen den vier Terminals verkehrt. Zu dem ging es eine Etage hoch und durch eine lange Halle, an deren Ende ich erfahren habe, dass ich wieder zurück und eine Etage tiefer suchen muss. Da bin ich dann hinter Scheiben an mehreren Bushaltestellen vorbei gelaufen, aber alle Türen waren versperrt. Nur die letzte war offen und ich musste draußen ein ganzes Stück zurück laufen. Zum Glück kam gerade der Expressbus 203, der alle 15 Minuten verkehrt und einen (sonntags) in gut 30 Minuten zum Bahnhof Atocha bringt. Bezahlen kann man die geforderten 5 € beim Einsteigen mit der Kreditkarte an einem Lesegerät. Obwohl in der Stadt am Sonntagmittag ein Verkehr war, der bei uns als Berufsverkehr durchgegangen wäre, kam der Bus gut durch und ich war sogar eine Stunde vor der Abfahrt des Zuges am Bahnhof.

Eine Alternative wäre übrigens die S-Bahn gewesen, die aber von Terminal 4 abfährt und bei der man einmal umsteigen muss. Hätte ich gewusst, dass der in kurzen Abständen vom Terminal 1 zum Terminal 4 fahrende Shuttle-Bus viel leichter zu finden ist als mein Expressbus, hätte ich wohl diese Variante gewählt. Um nicht auf dem Bahnhof Schalter­personal zu belästigen oder die Automaten zu strapazieren, habe ich schon im Bus online das Zugticket gekauft und murrend die 3 € Buchungsgebühr hingenommen - als ich vor ein paar Tagen schon mal testweise die Prozedur absolviert habe, war es noch ein 1 €. Hier bleibt zwar der Fahrpreis gleich, aber die Buchungsgebühr steigt offenbar, wenn das Datum näher rückt. Das muss man wissen …

Auf dem Bahnhof habe ich dann mal versucht, am Automaten einen Fahrkartenkauf zu tätigen und bin daran gescheitert, dass ich da keine Fahrt für heute, sondern erst ab morgen auswählen konnte. Vielleicht war das nur ein Vorverkaufsautomat. Da war ich froh, dass ich schon eine Fahrkarte hatte und nicht nach einem Automaten suchen musste, der mir für den gleichen Tag ein Ticket rausgibt. So musste ich nur, nachdem ich in einer Seitenstraße ein Getränk für die Fahrt besorgt hatte, auf dem riesigen Bahnhof den richtigen Bahnsteig finden. Das war nicht so einfach, da weder auf der Fahrkarte noch auf den Abfahrtstafeln eine Bahnsteignummer genannt war. Ich habe mich dann aber bis zu dem Zwischen­geschoss durchgefragt, von dem es zu den Bahnsteigen der „Media-Distancia-Trenes“ geht. Da sind auf einer Anzeigetafel die Züge mit Abfahrtzeit, aber auch ohne Bahnsteigangabe gelistet. Am Info-Schalter habe ich dann erfahren, dass der Bahnsteig fünf Minuten vor der Abfahrt angezeigt wird. Der Zug nach Albacete würde auf Gleis 4 oder 6 kommen. Also habe ich mich zu der Menschentraube gesellt, die zwischen den betreffenden Treppen wartete. Das war echt wie früher auf dem alten Bahnhof Berlin-Ostkreuz, wo auf dem Ringbahnsteig stets eine große Menschenmenge zwischen den beiden Abgängen stand und danach Ausschau hielt, auf welchem Bahnsteig die nächste S-Bahn in Richtung Stadtzentrum einfährt. Und dann stürmte die Menschenmenge auf den klapprigen Treppen runter auf den richtigen Bahnsteig.

Als hier kurz vor Erreichen der Abfahrtzeit immer noch nichts angezeigt wurde, habe ich nochmal nachgefragt und bin um Geduld gebeten worden. Dann kam endlich die Anzeige: Gleis 2. Das ist ja sowas Ähnliches wie 4 und 6. Die Menschentraube strebte nun also runter auf den entsprechenden Bahnsteig, der wegen eines anderen Zuges schon ordentlich gefüllt war. Am Gleis 2 war tatsächlich Albacete angeschlagen, aber kurz darauf stand da ein ganz anderer Ort. Ich wollte mich schon wie ein paar andere wieder auf den Weg in die Schalterhalle machen, da erschien dann doch wieder Albacete als Ziel und kurz darauf kam mit wenigen Minuten Verspätung der Zug, in dem ich jetzt sitze.

Die Landschaft beidseits der Stecke kommt mir sehr vertraut vor. Erst gab es noch ein paar Hügel, jetzt nur noch fast spiegelglattes Land mit ganz vereinzelten Bäumen auf und zwischen den Feldern. Dieser Anblick wird mich wohl die nächsten Wochen begleiten. Ich freue mich darauf, das ist unheimlich beruhigend …

21.00 Uhr. Die Zugfahrt verlief ganz entspannt und mit nur 10 Minuten Verspätung war ich in La Roda. Ich bin nicht gleich zur Herberge gelaufen, sondern erstmal ins Zentrum, in der Hoffnung, einen Supermarkt zu finden, in dem ich mich für heute Abend und morgen Früh eindecken kann. Ich habe auch nahe der Kirche drei gefunden, wegen denen ich mich aber nicht hätte beeilen müssen: der eine hat bis 23 Uhr offen, die anderen beiden bis nachts halb eins bzw. um zwei. Aber nirgendwo gab es etwas, was man sich hätte in die Mikrowelle schieben können.

Nun bin ich doch erstmal zur Herberge. Fünf Minuten nach meinem Anruf kamen die Herbergseltern mit dem Auto und haben mir aufgeschlossen. Ihn, d. h. Pedro, habe ich gleich erkannt. Er hat mir schon im Januar die Herberge zugänglich gemacht. Es ist die gleiche, wie damals am letzten Tag meiner Tour von Torre de la Horadada nach La Roda: ein Gebäude auf dem Innenhof der Stierkampfarena mit direktem Zugang zum „Schlachtfeld“. Die war damals schon wegen der vielen abgestellten Möbel ziemlich urig. Jetzt sieht es hier noch etwas wilder aus, denn ein Raum, der als Schlafsaal und Küche diente, ist jetzt ein Waren- und Materiallager der Handwerker, die hier auf dem Gelände am Schaffen sind. Das Herbergsmobiliar ist jetzt im verbliebenen Raum aufgetürmt, so dass da momentan nur zwei Betten nutzbar sind. Eins davon war sogar schon belegt: Augustin aus Albacete, also ein Spanier, der mit dem Fahrrad auf dem Jakobsweg unterwegs ist und bis nach Santiago will.

Wir haben uns von den Herbergseltern noch einen angeblich gut ausgestatteten Supermarkt zeigen lassen und sind nacheinander dort hin. Da war das Angebot aber genauso ernüchternd: ein großes Regal mit zig Teesorten, aber nichts Brauchbares für Frühstück oder Abendbrot. Und da der Inhaber Marokkaner ist, gab es nicht mal Bier.

Ich bin dann, inzwischen etwas hungrig, in eine Dönerbude (wo es auch kein Bier gab) und habe mir dort gebratene Hähnchenschenkel und Pommes kommen lassen. Die Schenkel­chen haben ganz lecker geschmeckt, aber nicht wirklich satt gemacht. Die armen Tiere mussten viel zu früh sterben. Und da die Portion aus fünf Beinchen bestand, läuft nun irgendwo ein Küken einbeinig herum.

In einem weiteren Supermarkt fand sich dann noch ein Getränk für heute Abend und eine große Wasserflasche für morgen. Frühstück muss da mal ausfallen, denn ich will möglichst zeitig los und die großen Supermärkte machen meist erst um neun auf. Gut 16 km entfernt ist Minaya, da werde ich schon was zu essen bekommen.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 0