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Unterwegs von Torre de la Horadada über Orihuela und Albacete nach La Roda | ![]() |
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Tag 3 (Mi, 21.1.2026) Von Orihuela nach Cachap bei Crevillent (30,7 km)
Ich bin heute im Morgengrauen losgelaufen, so dass ich noch die beleuchteten Kirchen und Paläste von Orihuela zu sehen bekommen habe. Obwohl ich gestern schon ein Stück des Weges durch die Stadt gelaufen bin, habe ich heute nochmal die „vorgeschriebene“ Runde gemacht. Hier gibt es Ecken, an denen man sich nicht satt sehen kann. Manches habe ich wiedererkannt, zum Beispiel die Schule (Colegio de Santo Domingo) am östlichen Ende der Altstadt, direkt am Stadttor (Arco de Santo Domingo). Ein paar Schüler warteten noch auf den Stufen am Rande des Platzes, aber da der Kindergarten schon im Gange war, stand eine Tür offen. Da bin ich schnell rein, um mir wenigstens einen der beiden Kreuzgänge anzuschauen. Das ging aber nur, weil die Pförtnerloge gerade nicht besetzt war. Die Pförtnerin hat mich zwar erwischt und verjagt, aber da hatte ich mich schon umgesehen und fotografiert. Weil ich auf dem mir gewiesenen Weg nach draußen an der hauseigenen Kirche (Iglesia de Santo Domingo) vorbeigekommen bin, habe ich auch dort noch einen Blick reinwerfen können. Das sind schon tolle Bauten!
Anschließend ging es durch nicht sonderlich repräsentative Straßen raus aus der Stadt. Da die Fußwege hier selten mehr als 50 cm breit sind, bot es sich dabei an, bei entgegenkommenden Autos in eine Haustür zu treten, damit einem kein Außenspiegel den Rucksack vom Leib reißt. Hinter der Stadt ging es durch Plantagen und vorbei an Feldern, auf denen Artischocken angebaut werden. Hier waren sie noch nicht abgeerntet. Gestern habe ich auch solche Felder gesehen, aber da dort die oben herausragenden Früchte abgeschnitten waren, wusste ich mit dem verbliebenen Grünzeug nichts anzufangen. Interessant waren auf dem Weg die Blicke zurück auf den Berg hinter Orihuela und voraus auf jenen Berg, zu dessen Füßen die Städte Redován, Callosa de Segura und Cox liegen. Der Weg führt durch alle drei Orte, die auf den ersten Blick selbst nicht so furchtbar viel zu bieten, aber durch den dahinter steil aufragenden Berg eine tolle Kulisse haben. Leider war auf der Straße, an welcher der Camino entlangführt, ziemlich viel Betrieb, so dass das Laufen dort nicht wirklich Spaß gemacht hat. Am Ortseingang von Callosa habe ich auf der Karte einen Friedhof entdeckt, der sich in eine Ausbuchtung des Berges ausstreckt. Den habe ich mir angeschaut und er war die paar Schritte bergauf bis zum Friedhofstor wirklich wert. Hier gibt es wie auf spanischen Friedhöfen üblich, fast ausschließlich „Schließfächer“ für Urnen und Särge. Hier sind aber die übereinander liegenden Fächer offenbar immer einer Familie zugeordnet. Vor den Steinplatten mit den Namen der Verstorbenen befindet sich überall eine Glastür, die über alle drei oder vier „Schließfächer“ reicht. Das sieht aus wie eine Reihe Telefonzellen. Die verschlossenen Glastüren erlauben es aber, dahinter Fotos und Erinnerungsstücke aufzustellen. Hier könnte man einige Zeit damit verbringen, sich all dies anzuschauen. Es gibt in der Mitte der Anlage auch ein paar monumentale Familiengräber mit einer halb verglasten, verschlossenen Tür hinunter in die Gruft, wo die Särge stehen. Da hätte ich zu gern mal mit der Taschenlampe reingeleuchtet, aber weil auf dem Friedhof Personal und Besucher unterwegs waren, habe ich mich nicht getraut. Abgesehen von der Ausstattung ist der Friedhof durch seine Umrahmung großartig. Gleich hinter den letzten Gräbern geht der felsige und mit Höhlen gespickte Berg steil nach oben. Wie gestern schon gesagt, bis auf 568 Meter - der Ort liegt auf 20 Metern Höhe und der Friedhof bei 40…50 Metern. Gleich hinter dem Friedhof wird die Straße von einer Schnellzugtrasse überquert, die im Berg verschwindet und zwischen Callosa und Cox wieder ans Tageslicht kommt. Auf beiden Seiten hat man mit riesigen Netzen am Felsen Sorge dafür getragen, dass keine Steine auf die Gleise fallen. Die Häuser am Fuße der Felsen sind nur vereinzelt durch solche Netze geschützt. Da der Felsen mitunter ziemlich brüchig aussieht und hier auch immer mal die Erde bebt, findet man dort vorwiegend heruntergekommene Behausungen. Wer es sich leisten kann, baut wohl lieber ein Stück weg vom Felsen. In Callosa de Segura wollte ich mir nach Besichtigung der offen stehenden Kirche im benachbarten Rathaus einen Stempel holen, bin da aber an das nahe Touristenbüro verwiesen worden. Der Herr dort, der zugleich die Bibliothek betreut, wollte mir jedoch den Stempel verweigern, weil ich nicht auf dem Jakobsweg unterwegs sei, sondern auf dem Camino del Cid. Das ist ein Fernwanderweg (GR 160) von Orihuela nach Vivar del Cid bei Burgos, der einem mittelalterlichen Ritter und Romanhelden gewidmet ist. Dank meiner Karte, auf welcher der Jakobsweg (hier: Camino del Sureste) eingezeichnet ist, konnte ich den Herrn davon überzeugen, dass auch dieser durch Callosa und fast an seiner Tür vorbei läuft. Der hat also wieder von einem Touristen eine wichtige Information bekommen - das heißt ja nicht umsonst „Tourist Info“. Beim weiteren Durchstreifen der Stadt bin ich auf den Wochenmarkt rings um die Markthalle gestoßen. Das Gedrängel zwischen den Ständen in den Straßen habe ich mir erspart, aber in die Markthalle habe ich reingeschaut. Ich liebe Markthallen. Hier waren fast nur Stände mit verderblichen Lebensmitteln offen: Fischhändler (1 kg Tintenfisch für 20 €), Fleischer mit sehenswerter Präsentation des Geflügels, und ein Bäcker, bei dem ich eine große, warme Blätterteigtasche mit Schicken bekommen habe. Ich habe aber auch einen Händler entdeckt, der in seinem kleinen Stand ein Vollsortiment vom Keks bis zum Weichspüler hatte. Von Callosa nach Cox war es ein fließender Übergang mit grandiosen Blicken auf den felsigen Berg hinter beiden Orten. Außerdem ging es vorbei an der Festung „Castillo de Santa Bárbara“, die auf einem kleinen Berg an der Straße liegt und von einem großen Kreuz überragt wird. Bei der Rekonstruktion der Burg hat man leider so viel Beton eingesetzt, dass die auch gut als Wasserspeicher oder Hochbunker durchgehen würde. Hinter Cox ging es abwechselnd entlang der Autobahn bzw. einer Bahntrasse, was Beides nicht so erquicklich war - abgesehen von der eindrucksvollen Fernsicht, weil sich hier immer wieder Berge aus dem flachen Umland erheben. Da in diesem Bereich auf der Karte ein Stück des Jakobsweges fehlt, bin ich auf dem GR 160 dem Ritter El Cid gefolgt. In Albatera, wo der Weg eigentlich am Rand vorbeiführt, habe ich nochmal einen Abstecher in die Stadt gemacht, um etwas zu essen. Die beiden kleinen, fettigen Würste, die ich mir in einer Kneipe bestellt habe, waren aber diesen Umweg nicht wert. Bald danach traf der Weg auf ein Kreuz von zwei Bahnlinien und zwei Straßen, die sich auf Brücken gegenseitig überqueren: ganz oben die Schnellzugtrasse, darunter Autobahn und Fernstraße, die wiederum die Regionalbahnlinie überspannen. Die Straße, auf welcher der Camino zuletzt verlief, endet hier und man muss auf die Fernstraße und durch das nächste Dorf, um von dort wieder zur Bahnlinie zu kommen. In besagtem Dorf (el Realengo), offenbar ein Neubaudorf aus der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts, steht eine heruntergekommen aussehende, moderne Kirche mit verschlossenen Türen. Die kaum befahrene Dorfstraße, die von der Fernstraße abzweigt und eigentlich eine Sackgasse ist, hat zwar mehrere Ampeln, aber einen Laden sucht man hier vergeblich. Da mein Smartphone durch einen roten Balken Ladebedarf signalisiert hat und die Powerbank schon alle war, bin ich in die einzige Bar eingekehrt, um dort beides zu laden. Das letzte Stück bis nach Cachap, wo ich mich mangels Alternativen für 40 € im Hostal „Imperial“ inmitten eines Gewerbegebietes einquartiert habe, verlief wieder durch Plantagen - dicht belaubte Orangenbäume und kahle Apfelbäume. Als ich ziemlich geschafft um halb sieben ankam, war es schon dunkel. |
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Camino del Sureste - Tag 3 | ![]() |