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Unterwegs von Torre de la Horadada über Orihuela und Albacete nach La Roda | ![]() |
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Tag 4 (Do, 22.1.2026) Von Cachap bei Crevillent nach Monforte del Cid (31,8 km)
Ich habe in der letzten Nacht so gut geschlafen, dass ich um halb sieben erstmals aufgewacht bin. Ob das an der 30-km-Tour, am ausgiebigen Bad in einer Wanne mit Standardmaß oder an dem Amber-Bier lag, das ich in der ungemütlichen Bar erworben und mit aufs Zimmer genommen habe, weiß ich nicht. Da ich abends zu müde war, musste ich nun schnell noch den Tagesbericht vollenden, nicht nur um meinen Wegbegleitern eine Freude zu machen, sondern vor allem, um dem schwächer werdenden Gedächtnis ein Schnippchen zu schlagen. Man sieht und erlebt auf dem Camino jeden Tag so viel, dass man sich schon abends kaum noch erinnern kann, wo man was gesehen hat. Ein paar Tage später bekommt man das bestenfalls anhand der Bilder auf die Reihe.
Es war dann schon nach acht, als ich mein imperiales Hostel verlassen habe. Eigentlich war das besser, als man beim ersten Anschein erwartet hat. Die Bar war zwar öde und kalt, aber das Zimmer war ganz brauchbar und warm. Im Bad fand sich eine Badewanne so groß, dass ein erwachsener Mensch im Stück hinein passt. Und es gab einen Stöpsel und heißes Wasser! Dass die Silikonfuge am Badewannenrand nicht mit der Fingerspitze, sondern mit der Kniescheibe gezogen wurde, habe ich als hinnehmbaren Makel eingestuft. Trotz der dünnen Wände war es nachts sehr leise, vermutlich wegen der mehrsprachig ausliegenden Verhaltensregeln, die auf Deutsch lauteten: „RESPEKTIERE DEN REST ANDERER. AB 23:30 UHR SINKT DIE LAUTSTÄRKE DES FERNSEHERS UND SPRICHT LANGSAM.“ Vom Hostel ging es auf einer morgens leider recht stark befahrenen Straße in Richtung Crevillent. Auf einer Brücke führte die Straße über die Regionalbahnlinie und ein Stück weiter zweigte der Weg an der auf Stelzen geführten Schnellbahntrasse nach rechts ab. Nach nur wenigen hundert Metern führte der Weg unter der Schnellbahntrasse und der Autobahn hinweg, dann parallel zu beiden und nach einem Kilometer wieder retour. Dabei hat der Weg ein Wasserwerk passiert und ab da bis nach Elche verlief der Camino auf einer ehemals asphaltieren Straße entlang eines mit einer Betondecke geschlossenen Kanals. Die der Wasserwirtschaft gehörende Straße ist eigentlich für jeden öffentlichen Verkehr einschließlich Fußgänger gesperrt, aber da sich nicht einmal die Autos daran halten, muss man als Fußgänger kein schlechtes Gewissen haben, zumal lt. Karte sowohl der Camino del Sureste, als auch der GR 160 auf dieser Straße verlaufen. Nach gut 10 km auf dieser fast verlassenen Straße war plötzlich der Südrand von Elche erreicht, wo man direkt auf dem riesigen Parkplatz eines großen Krankenhauses landet. Ein paar Ecken bzw. Kreisverkehre weiter stößt man auf ein gewaltiges Einkaufszentrum, in dem es lt. Karte auch diverse Fastfood-Restaurants gibt. Ein dringend gewordenes menschliches Bedürfnis hat mich jedoch zuvor schon an einer ungesicherten Baustelle Halt machen lassen. Da stand nämlich zu Füßen eines Krans ein nicht abgeschlossenes Dixi-Klo, das ich aber erst betreten habe, nachdem ich mich versichert habe, dass es nicht am Kranhaken hängt. Im Einkaufszentrum waren übrigens kurz vor zwölf KFC, Tacobell und andere noch geschlossen, da blieb nur McDonald‘s. Zu meiner Überraschung gab es da neben dem üblichen Sortiment auch Toast mit Olivenöl und Tomate - zusammen mit einem Café con leche für 3,10 € und durchaus genießbar. Der Weg durch die Stadt führte entlang einer Magistrale, deren Mittelstreifen dicht mit Palmen bestanden ist. Elche oder Elx ist ja durch seine Palmen berühmt, weshalb ich nicht abgekürzt habe, sondern auf der Magistrale bis zum tief eingeschnittenen, aber leeren Flussbett des Riu Vilalopó mit den angrenzenden Palmenparks gelaufen bin. Hinter der Brücke sind links und rechts große Parkanlagen mit diversen fremdländischen Bäumen. Dann geht es am nächsten Kreisverkehr links weg in Richtung Norden und man läuft entlang der Straße durch einen regelrechten Palmenwald. Für jemand, der nur Kiefern- und Buchenwälder kennt, ist das beeindruckend. Hinter Elche taucht man ein in eine sehr ursprüngliche Landschaft mit nur dürftig bewachsenen Bergen und ohne größere Siedlungen. Der fest gewalzte Weg, auf dem nur sehr selten mal ein Auto fährt, schlängelt sich durch die Berge und führt dabei ganz leicht, aber beständig bergauf. Das Wetter war heute eigentlich zum Laufen hervorragend: 13 bis 15 Grad, vormittags wolkenfreier und später leicht bewölkter Himmel. Eigentlich war es für den Anorak zu warm, aber es blies ein so starker Wind, dass ich den lieber an gelassen habe. Wie es der Wind so an sich hat, kam er ganz penetrant von vorn, was das Laufen mächtig erschwert hat. Die Mütze blieb nur auf dem Kopf, wenn man die Kapuze rüber gezogen hat. Heute wollte ich mich wegen des späten Aufbruchs beeilen, da wieder 25 km auf dem Plan standen, woraus erfahrungsgemäß 30 oder mehr werden. Darum habe ich nach dem McDonald‘s-Mahl in Elche nicht weiter nach einer Kneipe oder einem Supermarkt Ausschau gehalten. Und plötzlich stand ich durstig mit einer halb leeren Wasserflasche in freier Wildbahn. Aber zum Glück habe ich an einem Haus am Weg Wasser erbetteln können. Ich habe von weitem eine Frau im Garten gesehen und ihr mit der Wasserflasche winkend zugerufen. Als ich am Tor angekommen war, stand da schon ihr Mann mit einem Wasserkanister aus dem Supermarkt, um meine Flasche zu füllen. Auf halber Strecke zwischen Elche und meinem Zielort, Monforte del Cid, führt der Weg vorbei an einem sehr gepflegten, aber offenbar gerade nicht benutzten Golfplatz. Sehr ordentliche, mit Fußweg, Laternen und Pflanzen versehene Straßen rahmen den Golfplatz ein. Und eine solche, mit Gehwegen versehene Straße biegt auch rechts ab, um nach einigen hundert Metern an einem Berg zu enden. Bis dort gibt es aber alle hundert Meter einen ordnungsgemäßen Fußgängerüberweg mit Schildern, Markierungen und abgesenkten Bordsteinen. Vermutlich sollten mal links und rechts dieser Stichstraße Häuser für Golfspieler entstehen, woraus dann doch nichts geworden ist. Gegen fünf hatte ich dann endlich Monforte del Cid erreicht. Dort ging es zunächst durch ein nicht sonderlich ansprechendes Gewerbegebiet, in dem sich u.a. Marmor verarbeitende Betriebe niedergelassen haben. Im Stadtzentrum fällt einem die recht einfache, mitunter ärmliche Bebauung auf, die nur durch die Palmen am Straßenrand gemildert wird. Da passt rein optisch das 1-Stern-Hotel „Avenida“ rein, in das ich mich für 27 € inkl. Frühstück einquartiert habe. Innen ist es aber auch hier sehr ordentlich. Das Zimmer ist zwar nicht wirklich gemütlich, aber ein Kühlschrank direkt am Bett hat doch auch seine Vorzüge. Und es gibt im Bad wieder eine Badewanne in Standardgröße! Die Adresse des Hotels und die (Festnetz-) Telefonnummer hatte ich der Herbergsliste entnommen, die ich auf der Webseite der „Freunde des Camino“ gefunden habe. Der Anruf unter der gefundenen Nummer war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ich kann kein Spanisch und der Herr am anderen Ende konnte kein Englisch. Aber ich habe seinem Redefluss entnommen, dass ich einen Moment warten soll. Das Gespräch war dann zwar weg, aber eine Weile später rief mich eine etwas Englisch sprechende Frau zurück und ich konnte mein Anliegen loswerden. Um Missverständnisse auszuschließen, haben wir dann per SMS die Details geklärt. Bei den Telefonnummern ist immer die erste Stelle entscheidend. Wenn das eine „6“ ist, hat man fast gewonnen, denn dann ist es eine Mobilfunknummer und man kann eine SMS oder sogar eine WhatsApp schicken und sich des Übersetzungsprogramms bedienen. Fängt die Nummer hingegen mit „9“ an, dann ist das eine Festnetznummer und man kann nur anrufen, was in neun von zehn Fällen danebengeht. |
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Camino del Sureste - Tag 4 | ![]() |