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Unterwegs von Torre de la Horadada über Orihuela und Albacete nach La Roda | ![]() |
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Tag 9 (Di, 27.1.2026) Von Pétrola nach Chinchilla de Montearagón (21,1 km)
Heute ist sozusagen Ruhetag. Es waren nur gut zwanzig Kilometer zu laufen und ich war bereits um halb eins am Ziel in Chinchilla de Montearagón. Ich bin morgens zeitig aufgebrochen und zügig gelaufen, weil ich unbedingt vor zwei hier sein wollte. Bis um zwei bekommt man im Rathaus den Schlüssel für die Herberge, danach muss man sich bei der Polizei melden oder einen der Herbergsbetreuer anrufen. Ersteres kann langwierig werden, denn wenn die Polizisten auf Verbrecherjagd sind oder Verkehrskontrolle machen, dann ist das Revier nicht besetzt. Zweites ist wieder extrem schwierig, wenn man kein Spanisch kann und nur eine Festnetznummer hat.
Ich habe mir also für heute früh den Wecker auf um sechs gestellt, war dann aber schon eine halbe Stunde früher auf. Da war genug Zeit, die Dusche nachzuholen, die ich am Abend hatte ausfallen lassen, weil es in der Behausung noch so kalt war. Aber nachdem die Klimaanlage auf „30 Grad“ gestellt die ganze Nacht gelaufen ist, war es morgens ganz lauschig, aber natürlich keine 30 Grad warm. Meine Wäsche, die ich abends noch gewaschen und am Bettgestell in den Luftstrom gehangen hatte, war fast trocken. Die Hose, die noch etwas feucht war, habe ich mit den kleinen Karabinerhaken von Tedi am Rucksack festgemacht, damit sie im Wind flattern und trocknen kann. Leiter hat es kurz nach dem Losgehen zu nieseln angefangen und ich musste den Regenponcho über alles es ziehen, was dem Trocknungsprozess nicht förderlich war. Gegenüber den Vortagen war das Laufen an sich angenehmer, weil der Wind nicht ganz so heftig blies. Aber der Nieselregen, welcher den Pflanzen nur einen Bruchteil des benötigten Wassers geliefert hat, hat den Weg aufgeweicht und nach kurzer Zeit hatte ich dicke Lehmbatzen unter den Sohlen, die das Laufen ganz deutlich erschwert haben. Gegen Mittag, kurz bevor ich am Ziel war, hörte es auf zu regnen und es kam sogar mal die Sonne raus. Das hat Chinchilla mit der alles überragenden Burg in hellen Sonnenschein gehüllt. Ein großartiger Anblick! Der Ort hat übrigens nichts mit den kleinen Chinchillas zu tun, die ihres Felles wegen erst gejagt und dann gezüchtet wurden. Die kommen aus Südamerika. Diese possierlichen Tiere, die auch „Wollmäuse“ genannt und von manchen als Haustier gehalten werden, gehören übrigens lt. Wikipedia zu den „Wildschweinverwandten“. Da momentan die Medien von Zugunglücken in Spanien beherrscht werden: Chinchilla hat auch eins zu bieten. 2003 gab es 19 Tote, als nahe der Stadt auf einer eingleisigen Strecke ein Güter- und ein Personenzug ineinander gefahren sind. Ein junger Fahrdienstleiter hatte das Gleis zu früh freigegeben. Das habe ich gelesen, während ich das Eisenbahnkreuz südlich der Stadt über- und unterquert habe. Auf der Schnellzugtrasse kamen in dieser Zeit einige AVE‘s vorbei. Das ist das Pendant zu unserem ICE. Zum Glück sind alle auf dem Gleis geblieben. Chinchilla erwies sich bei meiner Ankunft als eine recht interessante alte Stadt, so wie ich es nach Sichtung des Stadtplans vermutet hatte. Für morgen stehen auch nur 15 km auf dem Programm. Das hätte man auch gut mit den 20 km von heute zusammenfassen können. Aber das hätte wieder einen langen Tag ergeben, ohne Zeit, sich umzusehen. Da ich sehr gut im Plan liege, habe ich es lieber bei zwei kurzen Etappen belassen, um mich heute in Chinchilla und morgen in Albacete umschauen zu können. Albacete hatte ich ja als Wunschziel dieser Reise deklariert. Nun spiele ich mit dem Gedanken, bei akzeptablem Wetter noch eine Etappe bis La Ronda anzuhängen und von dort am Freitag mit der Bahn nach Alicante zu fahren, von wo am Sonntag mein Flug zurück nach Berlin geht. In Chinchilla habe ich als erstes das Rathaus angesteuert, das in der Oberstadt liegt und das praktisch die aus der Unterstadt kommende Straße überspannt. Es ist ein altes, ansehnliches Haus. Wie sich herausstellte, liegt in diesem Haus auch die Herberge. Vom Plaza de la Mancha aus gesehen ist links neben der Tordurchfahrt im Erdgeschoss die Herberge und über dieser und der Durchfahrt sind die Büros der Stadtverwaltung. Da bin ich gleich reingestürzt und auf einen jungen Angestellten getroffen, der sehr hilfsbereit, aber etwas überfordert war. Durch Rumtelefonieren hat er dann aber in Erfahrung gebracht, welches Meldeformular benutzt werden muss, wo der Stempel ist und wie man in die unter seinem Büro gelegene Herberge kommt. Also, man kommt per Zahlencode in die Herberge, wo sich der Stempel befindet und Meldelisten ausliegen. In der Herberge, die sich praktisch im „Ratskeller“ befindet, gibt es drei Doppelstockbetten, eine Küche mit Mikrowelle und Kühlschank sowie ein Bad. Alles sauber und völlig ausreichend. Lobend hervorzuheben ist, dass bisher in allen Herbergen eine Dusche oder Wanne war, richtig heißes Wasser aus dem Hahn kam und dicke, flauschige Decken auf jedem Bett lagen. Da habe ich schon ganz andere erlebt: kratzige, harte Pferdedecken, die man sich nicht traut anzufassen, aus Angst, dass einem Getier entgegen springt. Hier gibt es Heizkörper und eine Heizungssteuerung. Als ich kam, war alles kalt. Ich hoffe, die Heizkörper sind warm, wenn ich zurückkomme. Noch sitze ich nämlich im Seniorenklub, in den ich nach meinem Besuch auf dem Burgberg eingekehrt bin. Da ich nicht wusste, wann was geöffnet hat, bin ich gleich nach meinem Einzug im Ratskeller hoch zur Burg, die leider überhaupt nicht geöffnet hat, weil dort restauriert wird. Aber auch von außen war sie imposant. Eindrucksvoll ist vor allem der nachträglich in den Fels gehauene Burggraben. Gleich nebenan, wo einige Bodegas (Felswohnungen) in den Berg getrieben wurden und überall Schornsteine aus dem Boden ragen, habe ich ein ganzes Rudel Steinböcke beobachtet, das dort mit seinen Jungen in aller Ruhe graste. Mindestens ein Steinbock passt immer auf, aber bis auf etwa 10 m wird man ran gelassen. Im Seniorenklub hat mich plötzlich der Hunger überfallen und auf meine Frage, was es denn zu essen gäbe, bekam ich eine richtige Speisekarte in die Hand gedrückt. Ich wollte mal ganz mutig sein und mir Lendrecillas bestellen. Das sind die Hoden von Lämmern und Schweinen. Aber die waren gerade nicht verfügbar, so wie die Zarajos, marinierte Innereien vom Milchlamm. Als ich noch auf der Suche nach Alternativen war, kam die Köchin an meinen Tisch und hat mit zusammen geführten Fingerspitzen vor dem Mund erklärt, was besonders köstlich sei: alles, was sie gerade im Kühlschrank hat. Bei den Vorspeisen waren das die Ohrläppchen und als Hauptgericht „Solomillo de credo estillo EVA“. Letzteres habe ich bestellt. Das sind Schweinefilets mit einer leckeren Soße und fast einer ganzen Tüte Pfefferkörner oben drüber. Dazu Kartoffeln in einer Konsistenz kurz vor Quetschkartoffeln. Das war wirklich lecker. Ein paar der Pfefferkörner habe ich aber runtergesammelt, damit der Toilettengang morgen früh nicht ganz so schmerzlich wird. Damit ich die andere, von mir abgewählte Leckerei nicht ganz vermisse, kam vorab ein kleiner Teller mit Schweineohrstücken. Ich muss gestehen, dass das wirklich sehr lecker geschmeckt hat und ich die Soße mit dem gelieferten Weißbrot aufgetunkt habe. Aber die Konsistenz war natürlich gewöhnungsbedürftig. Ich habe schon öfters bei Speisen von mir gegeben, dass es wie Ohrläppchen schmeckt. Nun weiß ich, dass die Ohrläppchen besser schmecken als gedacht, dass aber die Konsistenz noch viel schlimmer ist, als vermutet. |
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Camino del Sureste - Tag 9 | ![]() |