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Unterwegs von Torre de la Horadada über Orihuela und Albacete nach La Roda | ![]() |
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Tag 10 (Mi, 28.1.2026) Von ´Chinchilla de Montearagón nach Albacete (18,3 km)
Leider ist die Heizung in meinem „Ratskeller“ kalt geblieben, vermutlich weil ein elektrisches Ventil klemmt. Ohne Schraubenzieher kann man da nichts machen. Ich habe trotzdem den üblichen Zehner in die Spendenbox geworfen, den es bei mir immer gibt, wenn nichts gefordert wird. Die Betreuer der Herberge sollen ja nicht den Spaß an ihrem Job verlieren. Da heute keine lange Strecke anlag, habe ich getrödelt und bin erst zum Sonnenaufgang gegen 8.15 Uhr losgezogen. Da hat es gerade angefangen zu regnen, so wie das angekündigt war. Den Regenponcho habe ich mir deshalb noch in der Herberge angezogen. Weil die Straßen in Chinchilla spiralförmig nach unten führen, war ohne Smartphone vor der Nase nicht genau zu sagen, wo man unten rauskommt. Da die Richtung stimmte, habe ich den nächstgelegenen Weg mit gelbem Pfeil genommen. Dass dies der östlich der Autobahn verlaufende Camino de Levante und nicht der Camino del Sureste auf der Westseite war, hat mich nicht gestört, denn beide führen nach Albacete, wo ich hinwollte.
Nicht weit hinter der Stadt ist ein großes Gewerbegebiet längs der Autobahn, wo den Holzkisten neben den Hallen nach zu urteilen viele Großhändler von Obst und Gemüse ansässig sind. Der Weg verläuft um das Gewerbegebiet herum und erst ganz am Ende kommt man wieder auf die parallel zur Autobahn verlaufende Service-Straße. Als ich nun hinter den Hallen entlanglief, begann es richtig zu gießen und kein Fluchtweg und kein Unterstand waren gegeben. Wäre ich mal durch das Gewerbegebiet gelaufen, dann hätte sich bestimmt eine Möglichkeit zum Unterstellen gefunden, vielleicht sogar eine „Cantina“. So habe ich erst am Ende des Gewebegebietes eine Halle mit offener Tür gefunden, durch die ich einfach mal geschlüpft bin, um den dicksten Regen abzuwarten. Die Halle gehörte zu einer Firma, die Roboter baut. Drinnen waren ein paar Männer damit beschäftigt, einen speziellen Container herzurichten. Dem vermeintlichen Chef habe ich zugewinkt und zu verstehen gegeben, dass ich da nur ein paar Minuten im Trocknen stehen will. Statt mich wegzujagen, hat er gefragt, ob ich Wasser oder ein Bier haben will - dann hat er aber leider trotz intensiver Suche kein Bier im Kühlschrank gefunden. Trotzdem sehr nett. Als der Regen etwas nachließ, bin ich weitergelaufen, denn ewig nass rumzustehen bringt ja auch nichts. Der Weg führte jetzt auf der asphaltierten, aber sehr löchrigen Servicestraße neben der Autobahn. Da fuhren mehr Autos als erwartet, vermutlich weil die Straße zugleich eine Zufahrt zum Gewerbegebiet ist. Da musste ich immer aufpassen, dass ich nicht gerade neben einem mit Wasser gefüllten Schlagloch oder einer Pfütze stehe, wenn ein Auto kommt. Plötzlich hält neben mir ein von hinten kommendes Auto mit dem Firmenchef, bei dem ich mich untergestellt hatte. Der wollte mich mitnehmen, was ich aber dankend abgelehnt habe, weil das unsportlich ist und weil ich seinen schönen Lexus nicht nass und schmutzig machen wollte. Wie ein Lob für diese Tapferkeit riss plötzlich der Himmel auf und der Regen war vorbei. Ein Regenbogen signalisierte zudem, dass es jetzt auch etwas Sonne geben wird. Es blieb auch bis zum Ziel trocken, aber der Wind nahm stark zu und stellenweise kam ich kaum vorwärts. Der Sturm hat aber dafür gesorgt, dass die Sachen am Leib schnell getrocknet sind. Sogar die Schuhe samt Inhalt waren am Nachmittag fast trocken. Der Weg führte im Wesentlichen bis zum Schluss entlang der Autobahn, bzw. ich bin da weitergelaufen, auch wenn der ausgeschilderte Weg einen Bogen durch die Felder machte. Nach Umwegen war mir bei dem Wetter nicht zu Mute und es war zu sehen, dass auf den aufgeweichten Feldwegen große Pfützen stehen. An einer Stelle hat neben mir ein Auto gehalten und der mit drei Hunden aussteigende Fahrer wollte mich ein paar hundert Meter zurück schicken, weil der Weg ein Stück weiter gesperrt ist. Aber auch zum Zurücklaufen hatte ich keine Lust. Deshalb habe ich trotz seines Kopfschüttelns den Hinweis ignoriert und bin weiter. Tatsächlich war da ein Stück des Weges abgesperrt, vermutlich weil man da ein Regenwasserbecken neben der Autobahn baut. Das Stück ließ sich aber auf den angrenzenden Feldern gut umgehen. Schlamm hatte ich eh an den Schuhen, da hat das nichts ausgemacht. Etwa halb eins war ich in Albacete und ziemlich enttäuscht, dass die recht große Stadt außer ein paar wenigen schönen Fassaden nichts zu bieten hat. Ich hatte wenigstens einen mittelalterlichen Stadtkern erwartet, aber es gab nichts dergleichen. Da, wo ich in die Stadt reinkam, ist ein recht neues, aber ziemlich verdrecktes Wohngebiet mit zwielichtigen Gestalten vor den Haustüren. Gegenüber ist eine Müllhalde, in der gerade zwei Polizisten dabei waren, die aus Müll gefertigten Behausungen zu kontrollieren. In Richtung Innenstadt wurde es dann ordentlicher, aber wie gesagt leider nicht schöner. In Albacete bin ich zunächst ins Rathaus gegenüber der Kathedrale um nach der Herberge zu fragen. Dort hat man mich in das „Centro de Atención Integral a Personas sin Hogar“, also das „Zentrum für die umfassende Betreuung von Obdachlosen“ geschickt, wo sich auch die Herberge befinden soll. Das ist zehn Minuten entfernt im Südosten der Stadt und liegt fast an dem Weg, den ich gekommen bin. In diesem Zentrum gibt es Schlafgelegenheiten für Obdachlose, aber auch kostenfreie Duschmöglichkeiten, eine Essenausgabe und eine Wäscherei. Außerdem steht der Flur voller Spinde, in denen die Obdachlosen ihre Sachen verstauen können. Im Haus stand auch eine ziemlich lange Schlange auf dem Flur, vermutlich um zu duschen. Der Pförtner hat mir erklärt, dass es auch zwei Betten für Pilger, Wanderer etc. gibt (weshalb das Zentrum auch gelistet wird, wenn man nach „Herberge in Albacete“ sucht). Diese zwei Betten werden aber erst um 16.30 Uhr vergeben und können nicht reserviert werden. Bis dahin waren noch drei Stunden Zeit, die ich in einem Einkaufszentrum im KFC und mit einem Stadtbummel bis zur Stierkampfarena verbracht habe. Für dringende Angelegenheiten habe ich dieses Mal leider kein Hospital mit einer Tür für „Urgencias“ gefunden, aber eine „Toilette für Professoren“ in einer offen stehenden Schule. Um ehrlich zu sein: auf einem Professoren-Klo sitzt es sich auch nicht besser als auf einem normalen Klo. Um zwanzig nach vier war ich wieder am Obdachlosenzentrum und habe erfahren, dass die zwei Betten schon vergeben sind. Ganz sicher nicht an Pilger. Aber wenn da zwei wirklich Bedürftige eine Schlafstätte gefunden haben, dann soll mir das Recht sein. Der Herr sagte mir noch, dass ich es um halb zehn nochmal probieren könne, denn manchmal bleibt ein Bett frei, weil jemand doch draußen übernachtet. Das fand ich aber alles nicht so verlockend, weshalb ich das Smartphone gezückt, booking.com aufgerufen und das letzte 44 €-Zimmer im Hotel „Cardinal“ gebucht habe. Das nicht weit weg vom Plaza de la Mancha gelegene Hotel erwies sich dann als deutlich komfortabler, als der eine Stern an der Tür vermuten lässt. Die Zimmer liegen um einen quadratischen Flur mit einer über alle Etagen reichenden Öffnung in der Mitte. Es gibt einen Fahrstuhl und eine Cafeteria im Erdgeschoss. Die Rezeption ist 24 Stunden besetzt. Das Zimmer ist nicht sonderlich gemütlich, weil da drei Betten drin stehen. Aber es gibt einen großen Fernseher mit zig Programmen, Netflix, Sportsendern usw. Und das Bad hat eine Badewanne mit Stöpsel! Mit anderen Worten, das Zimmer ist seinen Preis wert. Hier konnte ich nochmal Wäsche waschen, Nachrichten sehen und in der Wanne relaxen. Vorher bin ich aber nochmal raus und zur Kathedrale gelaufen, die mittags geschlossen war und erst um 18 Uhr wieder geöffnet wurde. Diese erwies sich als sehr sehenswert, da sämtliche Wände bemalt sind und zwar mit biblischen Motiven in einem modernen, aber realistischen Stil. In einer Kapelle sind zudem zwei große Bilder zu sehen, auf denen Engel mit ihren Spießen Bomber vom Himmel holen. Da fällt mir ein, dass ich heute zwar keine Bomber, aber mehrere Düsenjäger gesehen habe, die auf einem Flugplatz südwestlich der Stadt runtergegangen sind und dabei ordentlich Krach gemacht haben. Bei uns im Berliner Raum sind die ja zum Glück sehr selten geworden. In den Nachrichten dominierte heute das üble Wetter hier im Land. in Madrid, Avila, Leon, aber auch in Salamanca liegt Schnee. An vielen Orten hat der Wind Bäume umgeworfen oder für Überschwemmungen gesorgt. In Alicante ist wegen des Unwetters die Promenade am Hafen gesperrt worden. Ansonsten sieht es aber auf der Wetterkarte an der Costa Blanca besser aus, als im Rest des Landes. Dass es morgen auf meiner letzten Etappe regnen und windig sein wird, weiß ich. Auf der Wetterkarte blinzelte da aber auch die Sonne hinter einer Wolke hervor. |
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Camino del Sureste - Tag 10 | ![]() |