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Unterwegs von Torre de la Horadada über Orihuela und Albacete nach La Roda | ![]() |
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Tag 11 (Do, 29.1.2026) Von ´Albacete nach La Roda (37,8 km)
Heute standen etwa 36…38 km an, weil von Albacete aus erst in La Roda die nächste Herberge ist. Da habe ich mich vorgestern per WhatsApp angemeldet und gleich dazu geschrieben, dass ich kein Spanisch spreche. Die Dame (?) hat mir daraufhin mitgeteilt, dass ich bei meiner Ankunft anrufen und nur „Peregrino“ (Pilger) sagen soll, dann kommt jemand und schließt mir auf. Die Quartierfrage war also geklärt und damit keine Eile geboten.
Ich bin trotzdem um sechs losgelaufen, damit ich noch im Hellen in La Roda ankomme. In Albacete im Dunkeln zu starten war kein Problem, denn da waren alle Straßen gut beleuchtet. Ich habe fast eine Stunde gebraucht, um aus der Stadt raus und durch das angrenzende Gewerbegebiet zu kommen. Bis dahin gab es überall Fußwege und damit kein Problem, im Dunkeln zu laufen. Hinter dem Gewerbegebet mündet die Hauptstraße in die Autobahn A 31. Auf der daneben verlaufenden Service-Straße hatte ich vor zu laufen, zumindest solange es dunkel ist. Wegen der schlechten Wetterprognose (100% Regen) wollte ich weder den südlich parallel zur Autobahn verlaufenden Camino de Levante, noch denn nördlich verlaufenden Camino del Sureste nehmen. Beide treffen sich in La Gineta, dem einzigen Ort auf der Strecke und verlaufen dann gemeinsam nördlich der Autobahn, wieder ein paar hundert Meter von dieser entfernt. Da, wo die Straße in die Autobahn mündet, habe ich im Dunkeln irgendwie den Zugang zur Service-Straße verpasst, wahrscheinlich war der dort, wo ich eine riesige Pfütze umrunden musste. Der asphaltierte Weg hinter den Leitplanke, den ich für die Service-Straße gehalten habe, endete an der nächsten Brücke. Da musste ich über die Leitplanke klettern und auf dem Standstreifen der Autobahn weiterlaufen, was eigentlich mit der Taschenlampe in der Hand kein Problem und auch nicht sonderlich gefährlich ist - aber selbstverständlich verboten. Als es dann heller wurde, habe ich gesehen, dass unmittelbar hinter dem Viehzaun entlang der Autobahn die Service-Straße verläuft und dass diese ganz gut befestigt ist. Aber es war kein Hinkommen. Es fand sich keine Lücke und nirgendwo eine Tür im Zaun. So musste ich wohl oder übel am Straßenrand weiterlaufen. Als auf der anderen Seite der Autobahn ein Polizeiauto an mir vorbeifuhr, war mir schon klar, was folgen wird und ich bin vorsorglich über die Leitplanke runter ins Bankett, auf dem man hier auch ganz gut laufen konnte. Wie zu erwarten haben die Polizisten an der nächsten Abfahrt gedreht, sind mir entgegengekommen und haben neben mir gehalten. Ein Polizist stieg aus und kam zu mir runter ins Bankett. Einer von der „Guardia Civil / Trafico“, also Verkehrsüberwachung und damit für Missetäter wie mich zuständig. Der sprach sogar gut Englisch und so konnte ich ihm erklären, dass ich auf dem Weg nach Santiago bin und furchtbar gern die Service-Straße nehmen würde, aber nicht hinkomme. Statt zu meckern hat er versucht, den Zaun anzuheben, damit ich darunter hindurch kriechen kann, aber das ging natürlich nicht. Ich habe gefragt, ob ich denn nicht bis zur nächsten, nur einen Kilometer entfernten Abfahrt im Bankett weiterlaufen darf, aber das konnte er nicht erlauben. Ich solle mich ins Auto setzen und sie würden mich dort hinfahren. Da ich dann mit dem Einwand kam, dass ich auf dem Pilgerweg bin und alles laufen und nicht zwischendurch fahren will, kam dem offenbar pilgerkundigen Polizisten die Idee, mit mir bis zur zurückliegenden Autobahnauffahrt zu fahren, dort zu wenden und auf der Service-Straße genau bis zu der Stelle zu fahren, wo sie mich aufgegabelt haben, nur halt jenseits des Zauns. Eine guter Vorschlag, auf den ich sofort eingegangen bin. So bin ich zu einer kostenfreien Fahrt im Polizeiauto gekommen, ohne einem Meter Fußweg zu überspringen und dadurch vielleicht den Ablass zu gefährden. Statt einer Strafe gab es zum Abschied einen Handschlag und ein „Buen Camino“. Ich war bereits um halb elf in La Gineta, auf halbem Wege, und damit eher als geplant. Ich habe mich in einem Supermarkt am Ortseingang („Charter“, eine Tochter von „Consum“) mit dem Nötigsten für ein Picknick versorgt und dieses auf einer überdachten Fläche mit diversen landwirtschaftlichen Geräten zelebriert - ganz konkret auf der Deichsel eines Traktoranhängers. Dort zu sitzen war eine Wohltat, denn den ganzen Tag gab es entlang des Weges keine brauchbare Sitzgelegenheit. Da ich so gut in der Zeit lag, bin ich mitten im Ort nochmal in eine Bar eingekehrt, um einen Kaffee zu trinken. Weil die dort in einer Vitrine auf dem Tresen verschiedene Leckereien hatten, ist daraus ein längerer Aufenthalt geworden. Ich habe mir einen Teller Rührei mit Pilzen und Bohnen kommen lassen, dazu einen Tomatensalat mit sehr reichlich Knoblauch. Als ich mich gegen zwölf wieder auf den Weg machte, hatte es gerade zu regnen angefangen. Aber ich will ja nicht meckern. Wenn es bei 100% Regenwahrscheinlichkeit erst mittags nass wird, ist das ok. Obwohl es nun ganz danach aussah, dass es sich einregnet, habe ich den in der Karte eingezeichneten Weg genommen, statt weiter neben der Autobahn her zu laufen. Viel mehr gab es da nicht zu sehen, aber wenigstens entfiel der Lärm der Autobahn. Hier ist absolut flaches Land. Kein Hügel, geschweige denn Berg erhebt sich hier aus der Ebene. Der Regen ließ zwar nach einer Weile etwas nach, dafür gab es kleine Hagelkörner von vorn direkt ins Gesicht. Das war nicht schön, denn es fühlte sich an, als wäre man in eine Sandstrahlanlage gekommen. Der permanente Wind hat wieder mit dem Regenponcho getanzt, bis mir dieser wie ein Schal um den Hals hing und der Rest des Pilgers nebst Gepäck auf dem Rücken schutzlos dem Regen ausgesetzt war. Es ging tatsächlich sehr beschwerlich voran. Auf zwei Schritte vorwärts folgte einer rückwärts. Und alle hundert Meter habe ich angehalten und mich gedreht, um Luft zu schnappen. Der stets von vorne kommende Wind hat einem die Lunge vollgepustet, aber nichts wieder rausgelassen, so dass sich schnell Atemnot und Sauerstoffmangel einstellten. Und der Rücken tat mir weh, was sicher nicht dem Gepäck geschuldet war, denn das wog nicht mehr als sonst. Vermutlich war das tagelange Gegen-den-Wind-Stemmen Schuld daran. Überhaupt gab es kurz vor Erreichen des Ziels kaum ein Körperteil, das nicht wehtat. Aber ich habe es trotzdem nicht bereut, die Etappe nach La Roda an meine eigentlich nur bis Albacete geplante Tour angehängt zu haben. Wäre die letzte Etappe eine Pille-Palle-Etappe wie gestern gewesen, hätte mir irgendwas gefehlt. Aber diese unheimlich anstrengende Etappe, bei der es zum Schluss noch richtig zu Gießen anfing, war der richtige Abschluss. Da fiel einem nichts anderes ein als „Ich habe die Schnauze voll“ und „Mir reicht‘s jetzt“. Das ist doch das richtige Ende einer Tour, die ganz bestimmt ihre Fortsetzung finden wird. Von La Roda nach Zamorra an der Via de la Plata sind es auf kürzestem Wege ca. 450 km, auf den ausgewiesenen Jakobswegen vielleicht 500 km. Das ist in drei Wochen gut zu schaffen. Im strömenden Regen in La Roda angekommen, habe ich mich zum Plaza de Toros mit der dortigen Stierkampfarena durchgekämpft und gesehen, dass gleich daneben die Herberge ist. Auf mein ins Telefon gehauchtes „Peregrino“ kam nach wenigen Minuten ein Herr im Auto und hat mir aufgeschlossen. Hinter dem Tor ist ein kleiner Platz, der links von der Herberge flankiert wird und von dem es rechts direkt in die Arena geht. Das ist jetzt mein Reich. Für die Herberge gibt es keinen Schlüssel, nur fürs Tor. Wer den hat (und das bin ich), der hat die ganze Stierkampfarena für sich. |
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Camino del Sureste - Tag 11 | ![]() |