Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 3 (Mi, 2.9.2026) Von Mota del Cuervo nach Quintanar de la Orden (24,4 km)
Wie gut das Quartier in Mota del Quervo war, lässt sich daran ablesen, wie lange ich geschlafen habe. Am Abend hatte ich noch angedroht, um sechs aufzubrechen und nun bin ich erst kurz vor sechs aufgewacht. Cori, die schon auf war, hat mir zu meinen Croissants einen Kaffee gemacht und um halb sieben bin ich gut gelaunt und gut gestärkt losgezogen - einmal quer durch die Stadt und dann auf den in die Weinberge führenden Weg nach El Toboso.

Kaum wurde es hell, war in den Weinbergen schon viel Betrieb. Es ist gerade Weinlese - viele der oft riesigen Trauben machen schon einen sehr reifen Eindruck und an manchen Rebstöcken werden bereits die Blätter braun und welk. Auf manchen Weinbergen waren Trupps von jeweils etwa ein Dutzend Pflückern unterwegs, die fröhlich gewunken und nicht mit dem Anwalt gedroht haben, wenn sie fotografiert wurden. In anderen Weinbergen haben Maschinen die Weinlese übernommen - Fahrzeuge, die über die Weinstöcke hinwegfahren und mit rotierenden Gummiknüppeln auf diese einschlagen. Das haut die Trauben von den Reben, die links oder rechts in eine Wanne kurz über dem Boden fallen und dann mit Förderbändern in einen Sammelbehälter über der ganzen Technik befördert werden. Wenn der voll ist, fährt das Ungetüm an einen bereitstehenden Traktoranhänger und entledigt sich der Trauben. Diese Art der Ernte geht sehr schnell und offenbar auch gründlich, denn die beiden Traktorfahrer, die während des Wartens hinter der Maschine her gelaufen sind und eingesammelt haben, was auf die Erde fiel, hatten nicht viel in ihren Eimern. Es ist schon toll, was es an Erntetechnik gibt.

Nachdem ich vor einiger Zeit bei der mühseligen Olivenernte zugeschaut habe, wollte ich ja auch mal was erfinden, und zwar eine Maschine, die am Baum rüttelt und auffängt, was dabei runterfällt. Gestern musste ich erfahren, dass es sowas schon gibt. In El Pedernoso stand solch ein Ding am Straßenrand und sah ziemlich genauso aus, wie das, was ich mir vorgestellt habe. Wenn das mal kein Ideenklau ist. Den Resten in den Auffangbehältern zufolge ist die Maschine aber zuletzt nicht zur Olivenernte, sondern zur Ernte von Mandeln eingesetzt worden. Die habe ich ihrer harten Schalen wegen zunächst für Paranüsse gehalten. Solche Bäume habe ich immer mal rumstehen sehen, auch heute. Die haben aber leider so dünnes Blattwerk, dass sie nicht als Schattenspender taugen. Ich habe heute auf den ca. 22 km von Mata del Cuervo über El Toboso nach Quintanar genau dreimal einen schattigen Platz für eine kurze Rast gefunden: neben einem Pumpenhaus, unter einem großen Baum neben einem verlassenen Haus und in der Autobahnunterführung.

Entsprechend anstrengend wurde es wieder gegen Mittag, als die Sonne das Thermometer über 30 Grad getrieben hat. Die größte Hitze ist hier übrigens nicht mittags, sondern nach­mittags um fünf - da waren es hier 35 Grad. Aber zum Glück war ich schon kurz vor zwei in Quintanar de la Orden, wo ich gleich in die erste Kneipe am Ortseingang eingekehrt bin, denn es galt noch eine gute Stunde zu überbrücken, bis ich in die Herberge konnte. Ich habe mich von unterwegs per WhatsApp in der Pilgerherberge des Klosters Convento de Las Trinitarias angemeldet und gesagt bekommen, dass ich erst um halb vier und nicht schon zwischen zwei und drei kommen soll. Grund dafür ist die Öffnungszeit des kleinen Klosterladens, wo man Gebäck und fromme Dinge durch eine Drehtür erwerben kann, ohne die bedienende Nonne zu sehen. Dieser Laden oder besser die Luke mit der Drehtür neben dem vergitterten Schaufenster ist vormittags und dann von 15.30 bis 18.45 Uhr geöffnet.

Im Vorraum des Ladens habe ich den Klingelkopf gedrückt, aber nichts passierte. Beim zweiten Versuch erscholl eine Frauenstimme hinter der großen, klinkenlosen Holztür und fragte nach meinem Begehren. Ich habe mit drei kurzen Worten „Benedikt, Peregrino, Whats­App“ Auskunft gegeben und dann war wieder Funkstille. Aber zwei, drei Minuten später erschienen in der zu einem kleinen Garten führenden Tür zwei Nonnen, die mir die Räum­lichkeiten gezeigt und mich zu meinem Zimmer geführt haben. Das ist ordentlich, aber ganz einfach: ein Bett, ein kleiner Sekretär mit Stuhl und ein Wandtisch mit Schubladen. Völlig ausreichend. Unten auf dem Flur gibt es vier davon. Alle teilen sich ein Bad mit zwei Klos und zwei Duschkabinen. Auch das ist ok. Die „Küche“ ist hingegen ein bisschen gewöh­nungsbedürftig: ein langer Raum mit mehreren aneinander gereihten Tischen und 36 (!) an den Wänden aufgereihten Stühlen. Auf einem Tisch in der Ecke stehen ein Kühlschrank und die Mikrowelle. Daneben ist wieder eine Luke mit Drehtür, durch die wahrscheinlich die Speisen gereicht werde, wenn 36 Leute zum Essen kommen. Ich habe nur einen ange­troffen, einen alten Pfarrer aus Zamora, der hier offenbar schon seit einigen Tagen Pensionsgast ist und sein Essen serviert bekam, nicht durch die Drehtür, sondern von einer Nonne durch die zur Klausur führenden Tür.

Ich habe zum Glück nachgefragt, wie ich hier morgens rauskomme. Da habe ich erfahren, dass ich dafür noch einen zweiten Schlüssel brauche, weil mir der zum Vorraum des Ladens führende Schlüssel nur während der Öffnungszeiten was nützt. Nun habe ich noch einen Schlüssel, mit dem ich das Vorhängeschloss am Tor des kleinen Klostergartens öffnen kann. Jetzt kann eigentlich nichts schief gehen. Ich habe mir vorsichtshalber den Wecker gestellt, denn ich will so früh aufbrechen, dass ich mittags am Ziel bin. Für morgen habe ich mir eine Herberge der Caritas im ca. 26 km entfernten Villacañas ausgesucht. Da werde ich vor­mittags anrufen, ob was frei ist, denn die dient auch als Obdachlosenunterkunft. Im April habe ich in San Benito eine solche Herberge gemieden und dann von Diego erfahren, wie gut die war und welchen Service sie dort zu bieten hatten. Das will ich nun auch mal probieren.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 3