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Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora | ![]() |
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Teil II, Tag 4 (Do, 3.9.2026) Von Quintanar de la Orden nach Villacañas (26,3 km)
Heute ist mir das zeitige Aufstehen ziemlich schwer gefallen. Aber nach einer Runde Schlummern im Anschluss an das Weckerklingeln habe ich es vollbracht. Ein großes Glas Kaffee hat mich dann ins Leben geholt. Es kann aber auch eine Vase gewesen sein. Die Gästeküche des Klosters ist nicht nur vom Mobiliar, sondern auch von der sonstigen Ausstattung her etwas ungewöhnlich. Es gibt keinen Schrank mit Geschirr und Besteck, nur Öl, Essig etc. auf einem der aneinander gereihten Tische. Die Nonne, die mich eingewiesen hat, sagte mir, dass sie für mich noch eine Platzdecke besorgen wird, damit ich an einem der Tische essen kann. Als ich dann eine Weile später kam, lag da wirklich eine Platzdecke, aber nicht wie erwartet mit einem Teller und Besteck darauf. Einen Teller, den vasenähnlichen Becher und einen Löffel habe ich aber auf dem Tisch mit den Speisezutaten gefunden. Ok, das reicht mir auch, weil ich ja ein Plastikbesteck dabei habe. Auf besagtem Tisch fand sich auch eine Packung Knäckebrot, das mir hier sehr gut schmeckt. Also brauchte ich nur etwas Belag kaufen. Das war im Lidl kein Problem, nur die Hitze auf den paar hundert Metern hin und zurück war schlimm.
Ich habe mir mit Knäckebrot, Käse, Wurst und ins Kloster geschmuggeltem Bier ein akzeptables Abendbrot gemacht. Wie ich da so beim Essen bin, öffnet sich die Tür zur Klausur und eine Nonne erscheint mit zwei Schalen voller Fleisch und Gemüse. Ich dachte schon, ich hätte mit meinen 20 € diesen Service mitgebucht, aber das war das Abendbrot des alten Pfarrers aus Zamora, der wenig später hereinkam. Da der außer Dienst war, hat er leider keine Nächstenliebe üben müssen. Mit tropfenden Mundwinkeln habe ich ihm beim Essen zugeschaut und dann gestaunt, wie viel er übrig gelassen hat. An seinen Resten wollte ich mich aber auch nicht vergreifen. Mir droht ja schon Höllenqual, weil ich mich bei seinem Knäckebrot bedient habe. Das war nicht fürs gemeine Volk bestimmt, sondern für den Fall, dass er nicht satt wird. Teller und Becher waren übrigens auch nicht für die Allgemeinheit bestimmt, sondern für eine Dame, die offenbar auch Pensionsgast ist und später grußlos auf der Bildfläche erschien. Wenn man jetzt noch hinzurechnet, dass ich einen ungenutzt herumstehenden Lüfter mit auf mein Zimmer genommen habe, wird wohl der am Ende der Pilgertour zu erwartende Ablass nicht reichen, um das alles gut zu machen. Ein paar Minuten nach fünf bin ich aufgebrochen. Da der Camino bis zum Nachbarort La Puebla de Almoradiel an der Straße entlang führt, die mit einem breiten Randstreifen versehen ist, war die Dunkelheit kein Problem. Ich habe allerdings gestaunt, wie viele Autos um diese Zeit unterwegs sind. Vermutlich fängt in vielen Firmen die Arbeit schon um sechs an. Dann ist bei acht Stunden Arbeitszeit um zwei Feierabend - zu jener Zeit, wenn z. B. die Verkäufer in die meist bis um fünf dauernde Mittagspause (Siesta) gehen. Da ich bereits gegen sieben in La Puebla de Almoradiel war, brauchte ich dort gar nicht im Rathaus nach einem Stempel fragen oder nach einer Bar oder einem Geschäft Ausschau halten. Die Geschäfte haben zwar abends lange offen, öffnen aber in der Regel auch erst um neun. Ab da ging es für den Rest des Tages durch Weinberge, in denen immer mal kleine Olivenhaine und andere Plantagen eingestreut sind. Feld- und Ackerbau ist in dieser Gegend ganz unüblich. Ich habe hier wieder den Maschinen zugeschaut, die im Schritttempo oder gar schneller die Reihen mit den Rebstöcken abfahren und die Trauben runter prügeln. Es gibt aber auch Weinberge mit alten, knorrigen Rebstöcken, die nur einen halben Meter hoch sind und bei denen die Trauben hinter viel Laub versteckt fast bis auf die Erde reichen. Da kann keine Maschine was ausrichten. Ich habe einen relativ jungen Bauern beobachtet, der mit einem Hocker und einer Art Schubkarre von Rebstock zu Rebstock gezogen ist und tief gebückt die Trauben abgeschnitten hat. Der hat sich gern fotografieren lassen und mir zu verstehen gegeben, dass er den Hocker nur benutzt, weil sein Kreuz nichts mehr taugt. Na, das kann ich verstehen. Unsereins läge bereits nach einem Tag am Boden, wenn er wie die Pflückerkolonnen solche Weinberge gebückt abernten müsste. Da die Sonne jetzt erst allmählich über den Horizont kam, lief es sich noch ganz gut und es wurde mir überhaupt nicht langweilig. In La Villa de Don Fadrique, dem nächsten und zugleich letzten Zwischenstopp auf der heutigen Etappe, war es halb zehn. Da konnte ich mir einen Stempel holen und in einem Krämerladen ein kaltes Getränk erwerben. Die schöne alte Kirche, die aus lauter unterschiedlich großen Quadern besteht und innen bestimmt mit einer größeren Anzahl Kapellen aufwartet, war leider verschlossen. Das letzte Drittel der heutigen Tour führte auch wieder durch die Weinberge und Olivenhaine, hier stand aber immer mal ein Landwirtschaftsbetrieb am Wegesrand und ich musste öfter an des Wegesrand treten, weil ein Bauer mit einem Trauben-beladenen Hänger am Traktor in die Kellerei fuhr. In einigen Orten habe ich hier schon große Batterien silbern leuchtender Tanks gesehen, in denen der Wein gelagert wird. Ob das genossenschaftlich passiert, oder ob es sich um Privatbetriebe handelt, weiß ich nicht. Es sieht aber nicht so aus, als ob hier Bauern ihre eigene Kellerei betreiben. Die besagten Landwirtschaftsbetriebe, meist vollgestellt mit Maschinen, Fahrzeugen und aufgerollten Wasserschläuchen, werden natürlich von Hunden bewacht, die furchtbar laut bellen, aber beim Näherkommen alles tun, um gestreichelt zu werden. Da haben sie bei mir normalerweise Glück, aber nicht wenn es so viele sind, dass man nicht alle gleichzeitig streicheln kann. Wer da nicht bedacht wird, rächt sich möglicherweise. Das hatte ich schon. Da es heute stets drei oder vier Hunde waren, fiel also das Streichen aus und es gab nur ein paar Fotos. Eigentlich hatte ich ausgerechnet, dass ich vor 12 Uhr in Villacañas sein werde, aber der Weg zog sich hin und die Wärme wurde zunehmend unerträglich. Da wurden die Schritte immer kürzer und langsamer. Rastplätze waren wieder rar, lediglich an einer kleinen Kapelle gab es ein paar schattige Plätze. Das Umfeld sah ganz danach aus, als ob öfter mal Wallfahrten dorthin stattfinden, denn da gab es eine verrammelte Imbissbude und eine größere überdachte Fläche. Beim Thema „Feiern“ fällt mir ein, dass in La Puebla de Almoradiel heute früh kurz vor sieben noch Diskomusik durch die Stadt schallte und Grüppchen junger Leute durch die Stadt zogen. Da war die nächtliche Party also noch nicht zu Ende. Noch weit hinter dem Ort hat man die Musik gehört. Als ich mich meinem Ziel näherte, nahm ich zunächst nur Berge mit Windrädern am Horizont wahr. Da habe ich schon befürchtet, dass ich bei der Hitze auch noch bergsteigen muss. Beim Näherkommen zeigte sich dann aber, dass Villacañas vor diesen, zugegebenermaßen nicht sehr hohen Bergen liegt. Da war die Erleichterung groß. Etwa um eins war ich in der Stadt und bin erstmal ins Rathaus, um mir einen Stempel zu holen. Als ich mich dann im Vorraum des Großraumbüros auf einer Bank niedergelassen habe, um was aus meiner Wasserflasche zu trinken, kam eine Angestellte herausgestürmt, nahm mir die Flasche mit dem warmen Wasser aus der Hand und eilte mit ihr eine Etage höher, um sie mir mit eiskaltem Wasser aus einem Wasserspender zu füllen. Das sind so die netten Kleinigkeiten, die man hier immer wieder erlebt. Das zaubert einem ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn man gerade nicht gut drauf ist. Um zwei bin ich dann zur Caritas-Herberge in der Calle San Roque gelaufen und fünf Minuten nach meiner WhatsApp-Nachricht kam Alfredo, der Hospitalero, mit dem Fahrrad und hat mir aufgeschlossen, den Ausweis abgeschrieben und ein Bett zugeteilt. Ich habe ein Bett in einem Dreibettzimmer, das wie die ganze Herberge noch leer ist. Aber vermutlich werden einige der Schlafgäste erst um halb acht kommen, wenn es Abendbrot gibt. Die Herberge dient wohl vorrangig Obdachlosen, die hier Essen bekommen, sich waschen und dann schlafen können. Alles ist recht sauber und die Sanitäranlagen sind großzügig und tadellos. In den Essenraum konnte ich nur bei der Ankunft einen Blick werfen, dann wurde ich praktisch in dem Flur mit den Schlafräumen eingeschlossen. Ich hätte durch den Notausgang raus gekonnt, wäre dann aber erst um halb acht wieder reingekommen, wenn Alfredo das Haus für die Essensgäste aufschließt. Ich habe nur mal kurz die Tür geöffnet und dann entschieden, dass kein Getränk so lecker ist, dass man dafür bei inzwischen 37 Grad zum nächsten Kaufmannsladen laufen muss. Auf dem Flur steht ein mit Wasserflaschen bestückter Kühlschrank. Damit werde ich mich heute begnügen. Kaffee habe ich zwar dabei, aber den wollte ich mir nicht aufbrühen, damit ich zeitig schlafen und morgen wieder sehr früh aufstehen kann. Ich habe also den ganzen Nachmittag allein in der Herberge verbracht, ausgiebig geduscht, Wäsche gewaschen, geschlafen und meinen Bericht getippt. Jetzt gibt es gleich Abendbrot - ich bin gespannt. Es ist 20.45 Uhr. Das Abendbrot ist vorbei und es liegen schon alle in den Betten. Pünktlich halb acht hat Alfredo die Tür geöffnet und es kamen vier Männer und eine Frau, die mit mir an einem großen Tisch in einem recht gemütlichen Wohnzimmer platziert wurden. Mal abgesehen von der zahnlosen älteren Dame sah da eigentlich niemand aus wie jemand, der auf der Straße lebt. Keiner war schmutzig oder zerlumpt und niemand hat einen Einkaufswagen mit seinem Hausrat vor sich hergeschoben, sondern alle hatten ihr Hab und Gut in Rucksäcken. Einen etwa vierzigjährigen habe ich sogar für einen Sozialarbeiter oder sowas gehalten. Alle kannten sich und schwatzten ganz gesittet miteinander. Auch ich wurde per Übersetzungsprogramm in die Unterhaltung einbezogen. Was bei allen gleich war, war der große Hunger. Alfredos Frau und eine andere Dame haben emsig gebraten und aufgetragen. Als Vorspeise kleine gefüllte Teigrollen, Schinken und Salami. Als Hauptgericht Fleischscheiben und panierte Aubergine. Wer meine Gemüsepräferenzen kennt, weiß, dass letzteres nicht mein Favorit ist, aber es hat sehr gut geschmeckt, fast wie gegrillte Champignons. Den Nachtisch habe ich genau wie das gelbe Rosinenbrot meinen hungrigen Tischnachbarn überlassen, die jeden Teller und Brotkorb bis auf den Grund abgeräumt haben. Alfredo, der „Rufino“ genannt wird, hat derweil im Flur das Frühstück aufgebaut. Kleines süßes Gebäck, Kaffee, Kakao und Milch. Ich habe mir noch ein paar Brotscheiben erbettelt, die ich morgen zusammen mit dem mitgeschleppten Schmierkäse statt der süßen Magdalenas verspeisen werde. Nach dem Abendbrot sind alle unter die Dusche und in den Zimmern verschwunden. Die beiden fleißigen Köchinnen, die ganz sicher ehrenamtlich tätig sind, haben derweil abgewaschen, aufgeräumt und den Essenraum gewischt. Da unerwartet eine Frau unter den Schlafgästen ist, der ein eigenes Zimmer zusteht, musste ich leider mein Bett räumen und zu zwei Männern ins Nachbarzimmer ziehen. Das macht mir nichts, die sind ok und schlafen (21.15 Uhr) schon. Ich hoffe nur, dass ich die nicht mit meinem Schnarchen nerve. Dieses tolle ehrenamtliche Engagement ist einfach großartig und lobenswert, was ich mit einer angemessenen Spende honoriert habe. Gefordert wurde nichts für Essen und Unterkunft. |
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Camino del Sureste (Teil II) - Tag 4 | ![]() |
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