Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 5 (Fr, 4.9.2026) Von Villacañas nach Tembleque (20,0 km)
Die Nacht im Obdachlosenheim war ganz ok. Kurz vor neun sind alle in den Betten ver­schwunden, da war es draußen noch hell. Einer meiner Zimmergenossen hat anfangs noch im Schlaf erzählt, leider auf Spanisch, so dass ich nicht mitbekommen habe, worum es da ging. Irgendwann war dann Ruhe, oder ich bin eingeschlafen. Allerdings war ich stündlich wach und habe immer gedacht, ich hätte verschlafen. Aber der Uhrzeiger war immer nur eine Stunde weiter gerückt.

Obwohl das Fenster weit offen stand, war es bald stickig im Zimmer. Wenn da drei Männer schwitzen, riecht es bald wie in der Sauna. Die Tür zum Flur konnte man leider nicht offen lassen, weil hier nach spanischer Manier Bewegungsmelder installiert waren, die den Flur und damit auch alle Zimmer mit offenen Türen unter Flutlicht setzten, wenn jemand einen Ausflug zum Klo unternommen hat. Hinzu kamen die Besuche des mit Wasserflaschen gefüllten Kühlschranks.

Um vier war ich es leid, die Stunden zu zählen. Da bin ich aufgestanden, hab Rucksack und Schuhe auf den Flur geschleppt und erstmal eine Dusche genommen, da ich wegen der Nachttemperaturen über 20 Grad ziemlich durchgeschwitzt war. Die Wärme hat aber wenigstens bewirkt, dass ich meine nach der Ankunft gewaschenen und im Bad aufge­hängten Sachen morgens gleich anziehen konnte. Dann habe ich mir einen Kaffee aufgebrüht sowie die abends erbettelten Brote geschmiert und gegessen. Um dreiviertel fünf bin ich schließlich aufgebrochen.

Der Weg führte zunächst noch lange durch den Ort. Im Westen der Stadt hat man vor offenbar nicht langer Zeit ein Neubaugebiet mit lauter Reihenhäusern gebaut. In denen war überall noch Totenstille, auch in dem sich anschließenden Gewerbegebiet. Der Camino trifft am Ortsausgang von Villacañas auf die CM-410 und begleitet diese zunächst mehr oder weniger dicht. Dann biegt er rechts ab und folgt der Hügelkette, die dicht mit Windrädern besetzt ist, welche aber zum Glück nicht nachts blinken. Das gibt es hier auch und das ist wirklich ätzend.

Am Weg stand erfreulicherweise ein Hinweis an die Jäger, dass in 50 Meter Entfernung vom Weg nicht geschossen werden darf. Das ist beruhigend, denn eine Schrotladung, die schon fünfzig Meter unterwegs ist, hat keinen richtigen Wumms mehr.

Der Camino führte wieder durch Weinberge und Olivenhaine. Hinzu kamen hier Plantagen mit etwa drei Meter hohen Bäumen, die große, fleischige Blätter und Trauben rotbrauner Früchte haben. Da ich mir nicht erklären konnte, was das ist, habe ich mal ein paar Früchte gepflückt und auseinander genommen. Unter einer weichen Hülle stößt man auf zwei harte Halbschalen und da drin ist ein gelblicher Kern mit einer roten Spitze. Auch wenn die Farbe nicht mit der Tüten-Variante übereinstimmt: das sind Pistazien. Die Schalen gehen wohl erst beim Trocknen oder Rösten auf, aber wenn man Glück hat, bekommt man die auch bei den Früchten vom Baum auseinander. Der darin verborgene Kern schmeckt gut, fruchtiger als bei den Pistazien aus der Tüte. Und ein paar Plantagen weiter hatte ich dann das Glück zu sehen, wie die eigentlich von mir erfundene Baumrüttel-und-Früchtesammel-Maschine bei der Pistazienernte zum Einsatz kommt.

Ich bin gut vorangekommen, auch weil ich nur einmal an einem zur Rucksackablage geeigneten Betonklotz Pause gemacht habe. Dabei wäre ich fast auf ein Kaninchen getreten, das wohl überhaupt nicht damit gerechnet hat, dass hier ein Fußgänger unterwegs ist. Blitzschnell ist es verschwunden und in einem Erdloch abgetaucht.

Kurz vor Tembleque, meinem heutigen Ziel, stehen rechts vom Weg zwei der typischen Windmühlen und die Ruine einer dritten weithin sichtbar auf einem Hügel. Ein schönes Fotomotiv, auch wenn die Sonne nur die Rückseiten beschienen hat. Da es noch nicht mal um zehn war und die Sonne noch erträglich war, bin ich über einen gepflügten Acker den Hügel hochgestapft, um mir die Mühlen näher zu besehen. Vom Berg bot sich auch ein schöner Blick auf Tembleque. Links sieht man den zweitürmigen Bau des Palacio de las Torres und rechts die Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción, in deren Nähe die Plaza Mayor mit dem Rathaus ist. Auf einem kleinen Umweg vorbei am Palacio bin ich als erstes zum Touristen-Büro neben dem Rathaus, um nach der Herberge zu fragen. Im Pilgerführer sind nur Telefonnummern von Rathaus und Kirche angegeben, ohne Auskunft, ob es eine Herberge gibt. Es existiert keine. Neben einem 3-Sterne-Hotel für 57 € gibt es nur zwei Landhäuser (Casa Rural), in denen man übernachten könnte. Die junge Frau im Touriste­nbüro hat für mich rumtelefoniert: im Hotel gibt es keinen Pilgerrabatt, ein Landhaus ist ausgebucht und das andere wird nur komplett vermietet. Die Telefonnummer der Kirche hätte man sich sparen können, denn die haben gar nichts zu bieten.

Was nun? Der nächste Ort, Mota ist gut 24 km entfernt. Das kann man bei diesen Temperaturen nicht noch an das bereits gelaufene 20 km ran hängen. Da kam mir eine Idee. Ich wollte morgen früh sehr, sehr zeitig aufbrechen, um möglichst nicht nur bis Mota, sondern bis Almonacid de Toledo zu kommen, damit am Sonntag nur eine überschaubare Etappe bis Toledo übrig ist. Und wenn ich eh mitten in der Nacht aufbrechen will, lohnt es nicht, großen Aufwand wegen der Unterkunft zu betreiben oder gar für ein paar Stunden ein teures Hotel zu nehmen. Ich muss nur ein Fleckchen finden, wo ich tagsüber etwas schlafen kann, damit ich dann in der Nacht frisch und munter bin.

Auf einer Parkbank habe ich schon mal für eine Stunde Probeliegen gemacht. Dann bin ich aber in einem nahen Restaurant eingerückt, weil mein Smartphone frischen Saft brauchte und ich Hunger verspürt habe. Hier habe ich mir auf der Speisekarte „Gegrillter Kaiser“ (Emperador a la Plancha) ausgesucht und war gespannt, was da kommt. Es war letztlich eine große Scheibe gegrillter Schwertfisch, die ganz gut geschmeckt hat, besser als ein zäher Kaiser.

In einem Park rings um einen Brunnen habe ich im Schatten eine schöne Holzbank gefunden, die genau meinen Körpermaßen entsprach und wie für einen Mittagsschlaf geschaffen war. Aber aus einem geruhsamen Schlaf wurde nichts, weil ein knappes Dutzend Tauben alle paar Minuten mit wildem Geschrei von einem benachbarten Hausdach zum Brunnen und zurück pendelte. Vermutlich ging es darum, den Taubenschiss so zu verdünnen, dass er besonders große Flecken auf den Parkbänken (oder den darauf Liegenden) verursacht. Nach einer Weile bin ich dann vor diesem Bio-Lärm geflüchtet und habe mich wieder auf die Steinbank zurückgezogen, auf der ich schon mal ein Stündchen geschlummert hatte. Auf dem Weg dorthin habe ich noch mal eine Runde über die Plaza Mayor gedreht, die sogar ein paar (spanische) Touristen angelockt hat. Der annähernd quadratische Platz hat fast durchgängig zwei Laubengänge über dem Erdgeschoss, an den Toren sogar drei. Das ergibt ein schönes Bild, aber leider war der Platz bei dieser Hitze völlig tot und es war nicht schwer, Bilder ohne störende Menschen zu machen.

In die dahinter liegende Rotunde, eine jetzt als Bibliothek genutzte ehemalige Kirche, hatte ich bei meiner Ankunft bereits einen Blick geworfen. Den achteckigen Bau hat man ganz geschickt umgebaut. Es sind mehrere umlaufende Galerien mit Bücherregalen und Arbeits­plätzen so eingebaut worden, dass der Eindruck eines hohen, fast leeren Innenraumes erhalten blieb.

Um das Klo zu besuchen und meine Gerätschaften völlig aufzuladen, bin ich nochmal in die Bar Mirador de la Mancha. Eigentlich wollte ich mit meinem Aufbruch bis zum Sonnen­untergang warten, aber es zogen ein paar Wolken auf, welche die Sonne so verschleierten, dass sie nicht mehr so heftig brannte und beim Laufen hinderte. Obwohl die Temperatur nur mäßig von 38 auf 36 Grad runter gegangen ist, war es plötzlich ganz angenehm. Ich bin daraufhin in den nächsten Kaufmannsladen und habe mir dort Wasser, Nüsse und etwas für einen eventuellen Picknick gekauft. Dann bin ich losgelaufen. Da war es 19 Uhr und schon begann auf meiner Reise Tag 6.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 5