Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 6 (Sa, 5.9.2026) Von Tembleque nach Almonacid de Toledo (36,4 km)
Der heutige Tag begann wie gesagt schon am Vorabend um 19 Uhr. Da bin ich zu meiner nächtlichen Tour über Mora nach Almonacid de Toledo aufgebrochen. Das sind gut 35 km, die mit 5 Uhr Aufstehen an einem Morgen nicht zu schaffen gewesen wären. Ich hatte deshalb eh vor, nachts um zwei oder so aufzubrechen, um vor dem Mittag am Ziel zu sein. Da war es also kein großer Unterschied, schon am Vorabend aufzubrechen. Im Gegenteil, das gab mir die Möglichkeit, in den Städten längere Pausen einzulegen. Und ob ich ausgeruhter gewesen wäre, wenn ich mich bei der Wärme bis um zwei schlaflos in einem Hotelbett gewälzt hätte, ist fraglich.

Da keine Eile anlag, bin ich durch die Stadt und dann die ersten ca. 6 km auf dem ausgeschilderten Weg gelaufen. Es muss hier aber erwähnt werden, dass es zwischen Tembleque und Almonacid zwei etwa gleich lange, parallel verlaufende Caminos gibt, einer über Mora und der andere über Villanueva de Bogas. Ich habe ersteren gewählt, weil der stets in der Nähe der Fernstraße (bis Mora CM-410) verläuft, während der andere fern aller Straßen durch die Natur führt, wovon man nachts nicht viel hat.

Der von mir gewählte Weg konnte anfangs mit einer sehr glatten, gut begehbaren Oberfläche aufwarten, allerdings nur bis zu einem außerhalb der Stadt liegenden Recyclinghof. Dahinter ging es auf einem staubigen, ausgefahrenen Feldweg weiter, auf dem viele Steine lagen, so dass man vorsichtig laufen musste. Da war ich heilfroh, dass der Weg noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder die Straße berührte und ich auf diese wechseln konnte. Die CM-410 ist zwar offiziell eine Provinzialstraße (CM = Castilla - La Mancha), aber wie eine Nationalstraße (N-…) ausgebaut, das heißt, mit einem breiten Randstreifen versehen. Die ersten Kilometer waren zudem gerade frisch asphaltiert worden und hatten deutlich sichtbar Fahrbahn­markierungen bekommen. Dort zu laufen ist weniger gefährlich, als auf einem Feldweg, vor allem nachts, wenn man den Weg vor sich nur spärlich ausleuchten kann. Die Gefahr, dass jemand genau auf meiner Höhe von der Fahrbahn abkommt und über den Randstreifen in die Wildnis donnert, hat die Wahrscheinlichkeit eines sehr hohen Lottogewinns. Und da ich noch nie im Lotto gewonnen, aber dafür einen guten Schutzengel habe, ignoriere ich dieses theoretische Risiko. Hinzu kommt ja, dass man auf den Wegen durch die freie Natur frühestens am nächsten Tag gefunden wird, wenn einem was zustößt. An der Straße wird vermutlich das nächste Auto halten, wenn man sich bemerkbar macht. Also genug des Lobes für die Fernstraße - ich laufe da gern und in der Dunkelheit halte ich alles andere für Blödsinn.

Als es noch halbwegs hell war, habe ich meine schon zu Recht öfters gelobte LED-Leuchte am Gürtel nur angemacht, wenn Autos entgegen kamen, später habe ich sie dauerhaft angelassen, was sie fast vier Stunden mitgemacht hat. Da war ich schon kurz vor Mora. Für den Rest des Weges in die Stadt habe ich die Smartphone-Lampe benutzt, statt die Powerbank zum Aufladen der Leuchte rauszukramen.

Mit Ausnahme von ein paar Kurven bei der Überquerung des Río Algodor etwa auf der Hälfte der Strecke von Tembleque nach Mora führt die CM-410 immer geradeaus. Kurz vor Mora macht sie dann einen Bogen, aber eine untergeordnete Straße führt fast geradeaus auf Mora zu. Ohne mir das Streckenprofil anzuschauen habe ich letztere gewählt, da die etwa 2 km kürzer ist. Nachdem ich auf die Abkürzung abgebogen bin, sehe ich ein Fahrzeug, das den Hang eines bisher links von mir gelegenen Höhenzuges herunterkommt. Jetzt dämmerte mir erst, dass die gewählte Abkürzung über diesen Höhenzug führt. Und das, wo ich das „Bergsteigen“ so liebe. Aber ich musste feststellen, dass es in der Dunkelheit leichter fällt, eine lange Strecke bergauf zu laufen, als am Tage, wenn man stets vor Augen hat, was noch an Aufstieg vor einem liegt. Ich habe den Auf- und Abstieg ganz gut bewältigt und da in der ganzen Zeit nur zwei Autos kamen, war der hier fehlende Randstreifen kein Problem. Ich musste nur beide Male kurz ins Bankett treten.

Belohnt wurde ich für die „Bergsteigerei“ durch herrliche Blicke aus drei Richtungen auf eine sehr großzügig beleuchtete Burgruine auf einem Gipfel des Höhenzuges. Hinzu kam eine Art Wetterleuchten. Wiederholt blitzten Wolken hell auf, ohne dass ein Blitzstrahl zu sehen oder ein Donner zu hören war. Trotzdem habe ich einen Schritt zugelegt, weil es ja nicht so schön ist, auf freiem Feld von einem Gewitter überrascht zu werden. So war ich gegen viertel zwei in Mora, wo ich gleich hinter dem Ortseingang auf eine Kneipe gestoßen bin, in und vor der gerade geputzt wurde. Das ist hier eine aufwändige Angelegenheit, weil in vielen Kneipen alles auf die Erde geworfen wird, was nicht ess- oder trinkbar ist: Servietten, Zahnstocher, Zuckertütchen, Kassenbons, Knochen usw. Da sieht es abends wirklich schaurig aus. Die Wirtin hat meinen bettelnden Blick richtig gedeutet und mir ein großes Bier zapfen lassen, während weiter geputzt und gefegt wurde. Da noch eine Platte mit Tapas übrig war, hat sie mir auch davon was auf einen Teller gemacht. Was es ist, konnte man schwer erkennen, auf alle Fälle was Paniertes. Es waren kleine Tintenfischlein, aus denen die winzigen Fang­ärmchen wie verbrannte Haare herausragten. Aber auch von älteren Oktopus-Exemplaren fanden sich Körperteile. Da ich gelernt habe zu essen, was auf den Tisch kommt, habe ich den Teller leer gemacht. Die kleinen Tintenfischlein haben auch ganz lecker geschmeckt. Bei den anderen lag der Verdacht nahe, dass die Tiere aus Altersschwäche eines natürlichen Todes gestorben sind.

Im Zentrum von Mata fand sich direkt neben dem Rathaus, das auch Polizeistation ist, ein schöner Park mit vielen Bänken, die groß genug für mich und meinen Rucksack waren. Ich habe mir eine Bank dicht an der Polizei gesucht und mich da niedergelegt. Hinter mir spielte (kurz vor zwei in der Nacht) ein halbes Dutzend Kinder Hopse. Das war ziemlich laut, aber eine überfürsorgliche Mutter hat sie dann ins Haus geholt. Da blieb nur noch die Disko-Musik aus einem nahen Lokal, aber bei der konnte man ganz gut schlafen. Eine Stunde Tiefschlaf. Einmal umdrehen und eine zweite Stunde. Dann wollte ich eigentlich los, aber da fiel mir auf, dass ich vergessen habe, die LED-Lampe aufzuladen. Also habe ich die Powerbank rausgekramt, die Lampe angeschlossen - und mich nochmal ein Stündchen hingelegt. Um fünf war ich dann gut drauf, das ist ja die Zeit, zu der ich zuletzt immer losgelaufen bin.

Auf der Straße ging es zunächst nach Mascaraque, wo schon von weitem Diskomusik zu hören war. Von der Brücke über die Bahnlinie Madrid-Sevilla war zu sehen, dass in der Stadt Festbeleuchtung ist und dass in einem Haus am Stadtrand noch eine Party steigt. Im Ort, der mit bunten Lampen über der Straße geschmückt war, kamen mir mehrere Grüppchen entgegen, die auf dem Heimweg von der Party waren. Mitten im Ort, auf der ziemlich kleinen Plaza de la Constitución waren Roadies dabei, vor dem Rathaus eine riesige Bühne abzubauen. An den unzähligen Flaschen und Büchsen war zu erkennen, dass hier größere Menschenmassen gefeiert haben - zum Schutz vor der Sonne unter gehäkelten Topflappen. Und in den Seitenstraßen war zu riechen, dass es nicht genug Klos gab.

Ich habe hier nur ein bisschen Pause gemacht und bin dann weiter zu meinem gut sechs Kilometer entfernten Ziel, Almonacid de Toledo. Dabei wurde ich noch lange von der Musik aus Mascaraque begleitet. Nach einem Kilometer kam ich an einem Betonwerk vorbei, dessen hohe Silos ich schon für die Kirche meines Zielortes gehalten hatte. Aber bis da waren es noch ein paar Kilometer, die sich endlos hinzogen. Nun stellte sich doch langsam Müdigkeit ein. Die Aussicht, es bald geschafft zu haben, trieb mich jedoch vorwärts. Rechts von der Straße erschien jetzt ein gewaltiger Tagebau mit einem tiefen Loch und großen Halden. Dem Anschein nach wird hier Gestein abgebaut, aus dem sich Split machen lässt. Auf der anderen Straßenseite fiel der Blick auf ein Castillo, das auf einem Hügel thront. Das war zwar nur eine Ruine, die man nicht mal beleuchtet hat, aber eindrucksvoll war sie allemal. Die Straße machte noch einen Bogen um dem Schlosshügel (Cerro del Castillo, 831 m hoch), dann war ich endlich da. Laut Pilger-App „Buen Camino“ soll man sich den Schlüssel für die Herberge in der Bar „Kuki“ holen und lt. Internet ist diese ab 9 Uhr geöffnet. Bis dahin war noch etwas Zeit, die ich auf der Plaza de la Constitución verbracht habe, wo vor dem Rathaus ein ganz nettes Bronzedenkmal steht, auf dem eine alte Dame sitzt und strickt, während ein alter Herr ihr das Garn zubereitet. So habe ich das zumindest interpretiert.

Um neun bin ich dann zur Bar „Kuki“ am Ortsrand, die aber geschlossen war - offenbar aber nicht dauerhaft, da noch Geschirr vom Vortag auf der Terrasse stand. „9 Uhr“ ist in Spanien ein dehnbarer Begriff, denn es passierte lange nicht. Eine Stunde lang habe ich versucht, zurückgelehnt oder mit dem Kopf auf dem Tisch zu schlafen - mit mäßigem Erfolg. Dann bin ich mit meinem Kram eine Ecke weiter gezogen, wo drei Bänke stehen, die sehr gut zum Schlafen geeignet sind und von wo aus man die Bar einsehen kann. Dort habe ich es mir bequem gemacht. Aber kaum war ich etwas eingenickt, tat sich am Himmel eine Wolken­lücke auf, durch welche die Sonne runterbrannte. Da musste man sich mindestens umdrehen.

Um dreiviertel elf fuhr endlich ein Auto vor und ein nicht mehr ganz junges Ehepaar stieg aus und schloss die Bar auf. Ich bin gleich rüber, um dort von den ziemlich muffligen Wirtsleuten zu erfahren, dass sie nicht mehr den Schlüssel haben, sondern dass dieser in einer anderen Bar hinterlegt ist. Den Weg dorthin haben sie mir beschrieben, aber sie konnten mir nicht den Straßennamen sagen oder auf der Karte zeigen, wo die Bar ist. Die Frau hat so viel in mein Smartphone gequasselt, dass das Übersetzungsprogramm aufgegeben hat und der Mann war pikiert, weil mir seine Wegweisung „nächste Ecke links abbiegen“ nicht gereicht hat. Und tatsächlich zeigte sich an der nächsten Ecke, dass da zwei Straßen links abgehen. Die erste war natürlich falsch, aber ein befragter Autoschlosser konnte mir auf der Karte zeigen, wo die Bar „Partida“ ist und sogar ein Bild zeigen. Es war also die zweite, nur leicht nach links abzweigende Straße. Ich habe die Bar gleich gefunden und problemlos den Herbergs­schlüssel bekommen. Auf die Frage, was ich morgen mit dem Schlüssel machen soll, hat der Wirt gesagt, dass er immer ab 7.30 Uhr in seiner Bar ist. Inzwischen war es fast zwölf. Ich hätte schon vier Stunden im Bett liegen können, wenn ich die richtigen Informationen gehabt hätte. An der Herberge steht übrigens auch nicht, wo man den Schlüssel bekommt. Da werde ich mal den „Amigos des Jakobsweges“ schreiben, dass sie die Infos korrigieren und an der Herberge anbringen.

Ich habe dem jungen Wirt als Aufwandsentschädigung noch ein Getränk abgenommen und bin dann los. Die Herberge ist nicht weit entfernt an einem Anbau der Sporthalle und ist ordentlich, aber sehr spartanisch eingerichtet. Von einem winzigen Flur, in dem die Warmwasser-Anlage steht, gehen zwei Räume mit jeweils einem Doppelstockbett und einem Bad ab. Platz ist also für vier Leute, denen zwei Bäder mit Dusche, Waschbecken und Klo zur Verfügung stehen. Das ist üppig. Sonst gibt es aber nichts, keine Küche und keinen Fleck, wo man sich hinsetzen kann. Mit etwas gutem Willen hätte man in den Zimmern noch kleine Tische mit je zwei Stühlen unterbekommen und im Flur hätten neben der Heizung auch noch ein Kühlschrank und eine Mikrowelle Platz gehabt. Aber ich will nicht meckern, zum Übernachten ist das völlig ausreichend und viel besser als eine Parkbank. Und da man hier nichts für die Unterkunft haben will, kann man auch keine Ansprüche stellen.

War das eine Wohltat, nach 32 Stunden endlich Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Die Füße wussten schon gar nicht mehr, wie es außerhalb der Schuhe aussieht. Die Dusche war natürlich auch eine Wohltat und erst recht das anschließende Schläfchen. Aufgewacht bin ich von rumpelnden Geräuschen. Inzwischen war Wind aufgekommen und die Äste der Bäume vorm Haus machten Krach. Der Wind war zwar nicht wirklich erfrischend, trotzdem habe ich die Herbergstür weit aufgemacht, damit ein bisschen frische Luft reinkommt. Durchzug kann man leider nicht machen. Es gibt bedauerlicherweise auch keinen Wäscheständer. Auf dem wäre meine gewaschene Wäsche draußen in zwei Stunden trocken.

Ich habe mich bei der Gelegenheit etwas auf dem Gelände umgesehen. Neben der Halle gibt es einen großen Picknickplatz und einen schönen Spielplatz, außerdem einen umzäunten und überdachten Tennisplatz. Hinter der Halle ist das städtische Schwimmbad, leider ver­rammelt. Ich habe auf meinen Touren durch Spanien schon viele Schwimmbäder entdeckt, aber noch nie ein benutztes! Es ist Wochenende und es sind 35 Grad. Wann will man denn sonst ins Schwimmbad gehen? Aber vermutlich schicken die Eltern bei diesen Temperaturen ihre Kinder lieber nachts um zwei zum Hopse-Spielen auf die Straße.

Als ich mich nach vollbrachtem Mittagsschlaf wieder fit fühlte, bin ich in Badelatschen nochmal in den Ort zum kleinen Supermarkt gelaufen, um mir was fürs Abendbrot zu kaufen. Dabei habe ich aber nicht bedacht, dass die kleinen Läden mitunter am Sonnabend­nachmittag nicht nochmal aufmachen. Und so war das hier. Vorräte hatte ich nicht, nur eine angefangene Tüte Picos und einen Rest Streichkäse, der eigentlich fürs Frühstück gedacht war. Das musste nun für zwei Mahlzeiten reichen. Ich hätte natürlich auch in der Bar was essen können, aber so hungrig war ich nicht und irgendwann müssen ja auch mal die am Körper herumgetragenen Fettreserven aufgebraucht werden. So habe ich auf dem Rückweg zur Herberge an der Bar nur noch einen kurzen „Hydration Break“ gemacht und bin dann bald schlafen gegangen.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 6