Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 7 (So, 6.9.2026) Von Almonacid de Toledo nach Toledo (26,2 km)
Ich habe in der kleinen Herberge von Almonacid de Toledo ganz hervorragend geschlafen und bin erst gegen fünf aufgewacht, als ich eigentlich schon auf dem Weg nach Toledo sein wollte, um nicht in der größten Hitze laufen zu müssen. Das Ausschlafen war aber auch mal gut und nötig. Der fehlende Schlaf der durchwanderten Nacht war offenbar noch nicht kom­pensiert. Ohne großartig zu trödeln habe ich meine Sachen gepackt und mit einer Handvoll Picos den letzten Rest aus der Käsebüchse gekratzt. Das ist eigentlich für unterwegs eine ideale Verpflegungsvariante. Man braucht kein Besteck, das nimmt nicht viel Platz ein und meist bleibt auch nichts übrig.

Von Almonacid in den rund zehn Kilometer entfernten Nachbarort Nambroca führt der Camino nur ein paar hundert Meter von der Landstraße entfernt durch die Felder. Da es noch dunkel war, habe ich aber lieber die Straße genommen, zumal die fast unbenutzt war, weil parallel dazu die Autobahn (CM-42) verläuft. Auf ca. acht Kilometern, also in zwei Stunden sind mir da nur zwei Autos begegnet.

So, wie man hier keine Hochgeschwindigkeitszüge zusammen mit dem Regional- und Güter­verkehr fahren lässt, so baut man auch nicht die Autobahnen auf vorhandene Straßen, sondern daneben. Und wenn es noch keine Straße gab, dann bekommt die Autobahn links und rechts eine Servicestraße, auf der z. B. Traktoren fahren können, die aber bei Unfällen oder Bauarbeiten auch als Ausweichmöglichkeit genutzt werden kann. Es ist also immer Redundanz vorhanden. Ich habe allerdings hier außerhalb der großen Städte noch nie einen Stau auf der Autobahn gesehen. Und auf den gut 6000 Kilometern, die ich bisher in Spanien und Portugal unterwegs war, habe ich nur eine einzige große Baustelle erlebt, bei welcher der Verkehr auf die parallele Landstraße umgeleitet werden musste. Bei uns hätte man bei der Gelegenheit auf der Umleitungsstrecke einen ganzen Landstrich kennen gelernt. Ich weiß nicht, wie die das machen. Die Autobahnen sind tadellos in Ordnung und auch die Landstraßen sind gepflegt, selbst die neben der Autobahn verlaufenden. Aber man sieht so gut wie nie eine Baustelle. Entweder bauen die so gut, dass es länger hält als bei uns, und/oder die bauen so schnell, dass die Wahrscheinlichkeit, auf eine Baustelle zu treffen, so gering ist. Hier liegt offenbar bei „Baustelle“ die Betonung auf „Bau“ und nicht auf „Stelle“.

Also, ich bin gut, schnell und sicher nach Nambroca gekommen, wo man schon am Orts­eingang auf die Videoüberwachung hingewiesen wird und wirklich überall Kameras hängen. Das hat mich aber nicht davon abhalten können, eine Bar aufzusuchen, denn es war beste Frühstückszeit. Zu meiner Freude habe ich hier mal wieder einen Tomatentoast bekommen. Gut gestärkt ging es weiter, bis Burguillos de Toledo auf Feldwegen und dann bis Cobisa auf der Straße. In beiden Orten fiel an den Fassaden der mehrere hundert Jahre alten Häusern auf, dass man in der Backsteinverblendung rechteckige Flächen ausgespart und dort Natursteine eingesetzt hat. Das sieht man oft in der Gegend, aber hier war es besonders prägnant.

Von Cobisa nach Toledo habe ich zum Glück nicht die etwas kürzere Landstraße benutzt, sondern den „vorgeschriebenen“ Weg. Der war größtenteils asphaltiert und führt in einer Senke zwischen zwei Hügelketten auf die Stadt zu, die schon bald in den Blick kam und auch aus großer Entfernung eindrucksvoll war. Auf den Hügeln beidseits des Weges stehen vereinzelt schöne, noble Villen. Größtenteils im regionalen Baustil, nur ganz vereinzelt mal pompöse Betonklötze mit riesigen Scheiben. Auf vielen Grundstücken steht zudem noch eine kleine Kapelle oder zumindest ein Glockentürmchen. Ob das ein Zeichen der Frömmigkeit oder nur schick ist, weiß ich nicht.

Kurz vor der Stadt geht es etwas steiler bergab und die Silhouette wird immer deutlich. Sofort zu erkennen ist der an vermutlich höchster Stelle gelegene Alcázar, d.h. das Schloss. Das ist ein quadratischer, mehrgeschossiger Bau mit vier Türmen an den Ecken. Der ist auf jeder Postkarte drauf und wer ihn schon mal gesehen hat, weiß sofort, woher die Post kommt. Bei den Kirchen ist der Wiedererkennungseffekt nicht ganz so groß, aber die größte von allen kann man leicht als die Kathedrale ausmachen. Am Steilufer des Río Tajo angekommen, hat man einen freien Blick auf die Altstadt mit dem Alcázar, vielen Kirchen, schönen alten Häusern und Teilen der Stadtmauer. Deshalb hat man da auch an einigen Stellen entlang der Straße Aussichtspunkte eingerichtet. Als Fußgänger kommt man an allen vorbei und ist versucht, an jedem Punkt nochmal alles zu fotografieren, zumal man aus jedem Blickwinkel wieder Neues entdeckt. Auch ein Blick runter in den Río Tajo, der in Lissabon als Tejo in den Atlantik mündet, lohnt sich. Da sieht man im Wasser Reste römischer Brücken und Befestigungsanlagen. Und es gibt sogar eine Seilfähre, welche abends die Gäste eines diesseitigen Lokals von der Stadt herüber bringt. Auf einem langen Stück hat man auch einen Spazierweg auf halber Höhe des stadtseitigen Ufers angelegt. Der lag aber mittags in der prallen Sonne und war deshalb nur mäßig frequentiert. Ansonsten waren aber viele Touristen in der Stadt, was man schon von hier sehen konnte, weil überall auf und zwischen den Zinnen Köpfe zu sehen waren und diverse Stadtrundfahrtbusse und die offenbar unvermeidlichen Bimmelbahnen auf der Uferstraße unterwegs waren.

Ich hätte mich hier am liebsten auf eine Bank im Schatten gesetzt und stundenlang den Anblick der Stadt genossen, aber ich musste mich nun schon etwas beeilen, weil ich vor zwei in der Herberge sein wollte, die angeblich nur bis zwei und dann wieder ab fünf geöffnet ist. Selbst wenn ich noch nicht ins Zimmer kommen sollte, so könnte ich doch zumindest meinen Rucksack abstellen und im wahrsten Sinne des Wortes „unbeschwert“ durch die Stadt ziehen.

Von den letzten der Aussichtspunkte war meine Herberge auch schon zu sehen: ganz rechts, noch hinter dem eindrucksvollen Bau einer Militärakademie, steht auf einem Hügel das Castillo de San Servando. Das ist auch der Name der Jugendherberge, bei der ich per Email angefragt habe. Ein paar Minuten später kam schon ein „Ja“ zurück, zusammen mit einer Preisliste. Alte Knacker wie ich zahlen inklusive Frühstück 30 Euro, Jugendliche (bis 30 Jahre) nur 20 Euro. Für ein paar Euro kann man zudem Halb- oder Vollpension dazu buchen.

Dass die Jugendherberge bei diesem Castillo ist, war ja auf dem Stadtplan zu ersehen, aber ich habe nicht erwartet, dass sie richtig im Castillo drin ist. Im quadratischen Innenhof hat man ringsum auf drei Etagen Gebäudeteile mit Zimmern und Veranstaltungsräumen angebaut. Auf Höhe des Erdgeschosses ist der verbliebene Rest des Innenhofes überdacht worden, so dass darunter ein großer, als Foyer dienender Raum entstanden ist. Die Zimmer sind sehr einfach und mit nur begrenztem Einsatz von Geschmack eingerichtet worden. Aber das ist nun mal (zum Glück) eine preiswerte Herberge und kein Nobelhotel. Ich hatte mein Zimmer im ersten Stock, wo wohl alle Zimmer mit zwei Einzelbetten ausgestattet sind und ein eigenes Bad haben. Was will man mehr, vor allem, wenn man das Zimmer für sich allein hat. Da kann ich auch darüber hinwegsehen, dass die Wände mit Laminat getäfelt sind und nicht alle Tischbeine mehr senkrecht stehen. Außerdem wird man durch die historischen Möbel und Ritterrüstungen auf allen Fluren entschädigt.

Ich habe in meinem Zimmer zunächst die Dusche und das Bett ausprobiert und bin so gegen vier in die Stadt aufgebrochen. Über eine schöne alte Steinbogenbrücke mit einem der Zierde dienenden Torbogen und einem richtigen Brückenturm ging es zu einem Loch in der Stadtmauer, hinter dem man auf Treppen zu einem Plateau kommt, von dem aus man auf jenes Ufer sehen kann, von dem aus man bei der Ankunft die Stadt begeistert angeschaut hat. Auch dieser Blick ist schön, zumal sich zeigt, dass das Ufer sehr felsig ist.

Über Treppen, steile Straßen, enge Gassen usw. ging es hoch in die Altstadt und zu ihrem zentralen Platz, der Plaza de Zocodover mit sehr schönen Fassaden, vielen Bänken und einigen bei dieser Hitze (37 Grad) gut besuchten Fastfood-Restaurants, darunter McDonald‘s und Burgerking. Ich bin zum Glück gleich nach einem verspäteten Mittagessen in der „Goldenen Schwalbe“ (McDonald‘s) in Richtung Kathedrale gelaufen, in die ich unbedingt rein wollte, obwohl mir versichert wurde, dass ich schon mal drin war. Das ist das Schöne an einsetzender Demenz, dass man sich mehrfach über das Gleiche freuen kann. Ich bin also zur Kasse und habe mir mit Alte-Leute-Rabatt für 8 € eine Karte gekauft (sonst 12 €) und dabei erfahren, dass die Kathedrale um 18.30 Uhr schließt. Da war es schon nach fünf. Drinnen gibt es so viel zu sehen, dass die Zeit längst nicht ausgereicht hat. Wer sich vornimmt, einen Blick auf jedes Bild und jedes Relief zu werfen, wird mit einem Tag nicht aus­kommen. Allein die vielen Reliefs auf und über dem Chorgestühl würden Stunden in Anspruch nehmen und an den Außenseiten des Altarraums sind große Flächen auf- und nebeneinander gesetzter Reliefs mit biblischen Szenen. In einer guten Stunde kann man sich also nur einen kurzen Überblick verschaffen. Pünktlich halb sieben wurde ich als letzter rausgekehrt.

Danach bin ich noch etwa drei Stunden völlig planlos durch alle möglichen Gassen gezogen und habe ich in jede offene Kirche geschaut. Aus einer drang laut Kirchenmusik und Weih­rauchduft nach draußen. Drinnen hat eine indische oder pakistanische katholische Gemeinde Gottesdienst gefeiert und der Pfarrer hat sich als begnadeter Sänger erwiesen. Zwei junge Männer am Mischpult haben seinem Gesang und der Kirchenmusik vom Band zur richtigen Lautstärke verholfen.

Um halb zehn, als es dann endlich richtig dunkel war und die Beleuchtung der Gebäude die Stadt in ein ganz anderes Aussehen versetzt hat, habe ich mich auf den Heimweg gemacht. Als Faulpelz habe ich dafür die endlos langen Rolltreppen benutzt, die runter zur Uferstraße führen. An anderen Stellen der Stadt gibt es auch nochmal welche. Mit fast letzter Kraft ging es noch den Hügel zum Castillo hoch, gut bepackt mit Einkäufen aus einem Supermarkt, der in einer alten Markthalle eingerichtet wurde und wie selbstverständlich am Sonntagabend nach neun noch geöffnet war.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 7