Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 10 (Mi, 9.9.2026) Von Escalona nach Cadalso de los Vidrios (19,9 km)
Auf dem Matratzenlager in der städtischen Herberge von Escalona hat es sich ganz gut geschlafen, abgesehen davon dass die nächtliche Wärme belastend war. Da lernt man es, auch nachts zur Flasche zu greifen. Das Ergebnis war ein völlig durchgeschwitztes „Nacht­hemd“. Das musste ich erstmal eine Weile wie eine Fahne draußen am Rucksack tragen. Um halb sieben bin ich mit Angelica, der rumänischen Pilgerin, die gestern hier auftauchte, aufgebrochen. Nach überstandenem Krebs läuft sie jetzt einen Camino nach dem anderen. Vor einem Jahr hat sie den Camino del Norte gemacht, ist von Santiago nach Fisterra und zurück gepilgert und dann auf dem Camino Portugues Central nach Lissabon. Das sind bestimmt 1400 km. Im Frühjahr diesen Jahres ist sie auf dem Camino Mozárabe und der Via de la Plata nach Santiago gelaufen und jetzt ist sie von Valencia nach Santiago unterwegs (beide Male über 1200 km). Und das nach überstandener schwerer Krankheit und mit kaum Fleisch auf den Knochen! Alle Achtung.

Noch was anderes ist beachtenswert: Ich kann nach so vielen Caminos kaum ein Wort Spanisch mehr. Sie hat hingegen auf ihren drei Wegen so viel Spanisch gelernt, dass sie lange Unterhaltungen, auch zu schwierigen Themen führen kann und offenbar gut verstanden wird. Das hat allerdings seinen Preis. Auch wenn ziemlich klar ist, wo wir laufen müssen, fragt sie drei Leute, welchen Weg wir nehmen müssen. Dabei lernt sie drei neue Leute kennen und kann dreimal ihre Sprachkenntnisse etwas verbessern. Oft entwickelt sich, bestimmt nicht ungewollt, aus der Frage ein Gespräch, in dem sie Interessantes erfährt.

Da sie mir in der Regel alles übersetzt, profitiere ich auch davon. Sie erzählt mir auch, was sie alles in solchen Gesprächen erfahren hat, zum Beispiel wie der Kot von Wölfen aussieht. Und sie konnte mir auf offiziellen Wanderwegen gleich mehrere solcher Haufen zeigen. Auf einem Abschnitt des heutigen Weges waren einige Flächen eingezäunt und mit dem Schild „Achtung, gefährliche Tiere“ versehen. Was mögen das für gefährliche Tiere hinterm Zaum sein, wenn offenbar die Wölfe vor dem Zaun rumlaufen …

In Peredes de Escalona sind wir auf einem Ort gestoßen, der Fiesta-mäßig geschmückt war: Leinen mit bunten Fahnen über allen Straßen und Plätzen der Innenstadt. Danach ging es erstmals in die Berge. Der nächste Ort, Cenicientos lag bereits auf einem Berghang, von dem sich ein toller Blick auf die zurückgelassene Ebene ergab. Der Himmel konnte mit Wölk­chen aufwarten, die nicht nur beim Sonnenaufgang interessante Bilder lieferten, sondern auch am Tage sehr willkommen waren, weil sie immer mal etwas von dem ansonsten erbarmungslosen Sonnenschein nahmen.

Der Weg war sehr abwechslungsreich, mal ein Stück Straße, dann ein Feldweg und immer wieder auch mal bergauf oder -ab auf felsigen Wegen oder um große Gesteinsbrocken herum. Bei meinem Kartenprogramm sind diese Abschnitte gestrichelt eingezeichnet, weil sie nicht ganzjährig zu benutzen sind. Bei Regen muss man sich viele dieser Wege mit herunter rauschendem Wasser teilen, das ganz sicher dem Wettstreit mit dem Pilger gewinnt. Momentan ist nicht mal in den Bächen genug Wasser, um sie wahrzunehmen. Da ist schon mal ein Hinweis angebracht, dass man gerade einen Flusslauf passiert. Zum Beispiel bei der Passage des Arroyo de los Molinillos, den man auf einer alten Römerbrücke, bei Hoch­wasser aber auch auf einem höhergelegenen Steg überquert.

Im weiteren Verlauf war ganz selten mal was anderes zu sehen, als satt grüne Wäldchen und Plantagen. In unserem Zielort, Cadalso de los Vidrios angekommen, haben wir sofort das Pfarrhaus neben der Kirche aufgesucht, wo es den Herbergsschlüssel gibt. Auf unser Klingeln erschienen zwei Männer um die Vierzig, der Pfarrer Christian und sein in Venezuela lebender, hier im Urlaub befindlicher Bruder Enrique. Die konnten uns zwar auch keinen Schlüssel gegen, haben aber Javier, einen „Freund des Jakobsweges“ angerufen, der kurz darauf mit dem Herbergsschlüssel erschien. Ihn hätte ich als nächstes angerufen, wenn wir im Pfarrhaus keinen Erfolg gehabt hätten. Seine Nummer hatte ich von Julien, der mir bei der Quartiersuche in Torrijos behilflich war.

Die Herberge liegt auf dem Kirchengelände und ist großartig. Durch ein Tor geht es in einen Gang zwischen der Kirche und dem langgestreckten Gebäude der Herberge, deren Tür auf der Rückseite ist. Drinnen gehen von einem langen Flur fünf Räume ab: zwei Schlafräume, eine Küche und zwei große Badezimmer, letztere jeweils mit zweimal Dusche, Toilette und Waschbecken. Die Küche ist sehr komfortabel ausgestattet und bietet sogar eine Wasch­maschine zur freien Verfügung. Es gibt sehr reichlich Geschirr und ein breites Sortiment an Gewürzen etc. Auch im Bad findet man alles für Körper- und Wäschepflege, bis hin zu einer Fußwaschschüssel. Und wem es langweilig wird, der findet auf dem Flur Bücherregale mit Pilgerführern, Karten, Pilgerberichten und Zeitschriften rings um den Camino. Ein Sofa zur stilvollen Lektüre gibt es natürlich auch. Javier hat uns alles gezeigt und erklärt, er ist ein liebevoller Mensch in den 70er Jahren. Früher war er Grundschullehrer. Er hat erzählt, dass seine Frau die Woche über in Salamanca lebt, weil sie hauptberuflich in einem renommierten Chor singt und noch in zwei anderen Chören agiert. Da kam ich nach unserem wieder viel zu üppigen Einkauf auf die Idee, ihn zum Abendbrot einzuladen. Wir haben ihn abends angerufen und er hat sich sichtlich über die Einladung gefreut. Angelica hat sich prächtig mit ihm unterhalten und mir zwischendurch immer übersetzt. Serviert wurde zwiebliges Rührei an Mortadella und Tomate, von mir vor Jahren kreiert und bei den Enkelkindern auf Platz zwei nach Nudeln mit Tomatensoße aufgestiegen. Es war ein sehr schöner und amüsanter Abend, der bis um zehn gedauert hat.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 10