Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 11 (Do, 10.9.2026) Von Cadalso de los Vidrios nach Cebreros (24,8 km)
Wir haben in Cadalso hervorragend geschlafen. Da keine weiteren Pilger kamen, hatte jeder einen Schlafraum für sich. Dank der Gaze vor den Fenstern konnte man diese getrost offen lassen. Und da die Kirche nur ein paar Meter entfernt war, kam nachts von dem Gemäuer kühle Luft herüber. Dass die Herberge so praktisch und komfortabel eingerichtet ist, ist einerseits Javier zu verdanken, der seit acht Jahren Hospitalero ist, aber auch zwei amerikanischen Pilgern, die 6000 Dollar gespendet haben, um die Herberge zu renovieren.

Im Ort leuchtete am Morgen überall Feiertagsreklame. Da hier wahrscheinlich so viel gefeiert wird, lohnt es nicht, die Reklame zwischen dem Festen abzunehmen. Angeblich ist wohl wirklich am kommenden Wochenende wieder eine Fiesta angesagt. Wir sind zwar spät aufgebrochen, aber doch noch rechtzeitig, um den Sonnenaufgang zu erleben. Die nur spärlich bewachsenen Berge waren in ein warmes rotes Licht gehüllt und stellten so einen tollen Kontrast zu den grünen Bäumen am Straßenrand dar. Einen einsamen Esel mussten wir nicht lange rufen, schon kam er an den Zaun und lies sich streicheln und mit Grünzeug verwöhnen, das außerhalb des Grundstücks natürlich viel besser schmeckt, als drinnen. Er ließ sich aber trotzdem nicht dazu überreden, mit nach Santiago zu kommen.

Zwischen den meist brachen Feldern tauchte urplötzlich mal ein kleiner Weinberg auf, in dem ein halbes Dutzend Leute mit der Ernte beschäftigt waren. Am Wegesrand standen immer wieder Bäume, die sich plündern ließen. Zum Beispiel ein Feigenbaum mit reifen Früchten. Und immer mal ein Mandelbaum. Angelica hatte bei Einheimischen in Erfahrung gebracht, dass die einzeln an den Straßen stehenden Bäume immer bittere Mandeln tragen. Die süßen Mandeln kommen von Plantagen. Natürlich haben wir auch hier mal gekostet. Da mir als Kind warnend beigebracht wurde, dass bittere Mandeln eigentlich giftig und deshalb nur in geringen Mengen zu konsumieren sind, habe ich nur ganz verschämt ein Eckchen abge­bissen, während Angelica mit verzerrtem Gesicht ihre kleingekaut und runtergeschluckt hat. Nicht ganz so musste man das Gesicht bei den Brombeeren verziehen, die am Wegesrand standen. Die sind tief schwarz und so klein, dass man sie für unreif erachten würde. Aber die werden hier nicht größer und haben trotzdem eine angenehme Süße.

Kaum hatten wir die Grenze von Castilla - La Mancha nach Castilla y León überschritten, tauchten am Straßenrand die ersten verkohlten Bäume auf. Wir waren nun in jenem Gebiet, in dem es in diesem Sommer heftig gebrannt hat. Im Juli/August kamen ja im Fernsehen fast täglich schreckliche Bilder von den Bränden und den Löscharbeiten in der Umgebung von Toledo und Ávila. Unser Weg führte über steppenähnliches Gelände und Berghänge, auf denen einst große Sträucher standen. Die waren allesamt verbrannt, aber aus dem Boden kam schon wieder frisches Grün und zwischen den schaurig schwarzen Resten der Sträucher standen kniehohe Ginsterbüsche.

Dörfer gab es heute überhaupt nicht auf dem Weg, aber eine historische Sehenswürdigkeit. Auf halbem Wege sollen vier steinerne Stiere aus dem 4. Jahrhundert vor Christus Besucher anlocken, die „Toros de Guisando“. Das Museumsgelände war zwar verschlossen, aber durch die Gittertür konnte man nahezu genau so viel sehen, als nach Entrichtung von 2,50 € Eintritt, wenn mal offen sein sollte. Vier mannshohe Stiere stehen da aufgereiht. Eigentlich sehen sie eher wie Flusspferde aus, aber auch damals gab es schon künstlerische Freiheit.

Nach einem weiteren Stück entlang der Straße ging es in das immer bergiger werdende Gelände. Da war der Weg gesäumt von großen Steinen und nahezu vollständig verbrannten Sträuchern und Bäumen. Aber wie ein Hoffnungsschimmer nach der Katastrophe kamen an vielen Stellen Krokusse aus der Erde. Als wir unserem Ziel näher kamen, zeigten sich vereinzelt bebaute Grundstücke, auf denen wie durch ein Wunder die Gebäude unbeschädigt waren. Eine von einem Park umgebene Kapelle, die Ermita de Valsordo ist ebenfalls unbeschädigt geblieben, obwohl einzelne, große Bäume im Park niedergebrannt sind.

Kurz vorher haben wir eine mittelalterliche Doppelbrücke über den Río Alberche überquert. Über den ersten Flussarm führt eine dreibogige Steinbrücke, dann folgt ein paar Meter weiter noch eine zweite mit einem einzelnen Bogen. Das sind großartige Bauwerke, die einen mit ihrer Akkuratesse in ihren Bann ziehen können. Der Río Alberche führte sogar etwas Wasser, das in der Sonne grün schimmerte.

Nach Cebreros hinein ging es dann nochmal ziemlich steil etwa 100 Meter hoch, fast bis an die Stadtgrenze heran durch verbranntes Gelände. Nur ein schmaler, grün gebliebener Streifen konnte dem Feuer trotzen, vermutlich weil dieser zum Schutz der Stadt gewässert wurde. Als dann endlich der Aufstieg geschafft war, gab es am Eingang zur Stadt eine „Gerichtssäule“ zu sehen, die angezeigt hat, dass die Stadt einst eigene Gerichtsbarkeit besaß. Das ist vielleicht mit den Rolanden in unseren Städten zu vergleichen.

Um vier im Zentrum der kleinen Stadt angekommen, standen wir vor einem verschlossenen Rathaus. Da der Herbergsschlüssel in solchen Fällen vermutlich bei der lokalen Polizei abgeholt werden kann, sind wir dort hin. Aber die Polizisten sind gerade mit ihrem Auto davon gebraust, als wir kamen. Wir sind daraufhin in die nächste Bar, um zu fragen, ob man noch wo anders den Schlüssel bekommen kann. In der Bar war es furchtbar laut, obwohl da bloß ein paar Leute um einen Tisch saßen. Eine Frau war so nett, bei der Polizei anzurufen und konnte uns sagen, dass die Polizisten ausgerückt sind, weil es irgendwo einen Wasser­rohrbruch gab, und dass wir warten sollen, bis sie zurück sind.

Einer der Gäste, der etwa 40jährige Ramon, hat sich uns dann vorgestellt und angeboten, dass wir in seinem Haus übernachten können, da er allein sei. Wir bräuchten nichts zu essen kaufen, sondern könnten seinen Kühlschrank leer essen. Und er würde auch für uns kochen. Das klang ja verlockend, aber ich habe mich daran gestört, dass er schon ziemlich betrunken war. Angelica, die sich mit ihm unterhalten konnte, war der festen Überzeugung, dass dies ein anständiger Kerl sei und wir nichts zu befürchten hätten. Da habe ich zunächst zuge­stimmt, mit zu ihm zu gehen. Aber nachdem er mich eine Weile mit unverständlichem Zeug vollgelabert hat, habe ich einen Rückzieher gemacht und Angelica gebeten, sich eine Ausrede einfallen zu lassen, warum wir nicht mitgehen. Ich wollte abends einfach meine Ruhe haben und hatte keine Lust darauf, den ganzen Abend einem lallenden Gastgeber zuzuhören.

Inzwischen war auch schon die Polizei zurück und wir haben ganz problemlos den Schlüssel für die Herberge bekommen, nachdem ein Polizist unsere Ausweise fotografiert hat. Aus einer gegenüber liegenden Bäckerei, die vermutlich gerade zugemacht hat, kam plötzlich eine Frau und reichte uns eine Tüte mit zwei Broten und zwei Croissants. Das war einfach nur nett und gastfreundlich.

Die kleine Herberge am Stadtrand haben wir schnell gefunden. Es ist ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern und einem Bad. Wir vermuten, dass es mal sowas wie eine Arztpraxis oder eine Schwesternstation war, denn in beiden Räumen waren Waschbecken und in einem stand eine gepolsterte Liege, die bei mir gleich den Eindruck eines Seziertisches hinter­lassen hat. Aber sie war beim Abendbrot hervorragend als Esstisch zu gebrauchen. Leider gab es hier außer einem Kühlschrank keinerlei Kücheneinrichtung. Deshalb mussten wir bei unserem abendlichen Einkauf im „Dia“-Markt Plastik-Becher und Pappteller kaufen, um halbwegs zivilisiert essen zu können.

Da die Santiago-Kirche anders als angegeben tagsüber geschlossen war, aber eine Frau uns sagte, dass um 19.00 Uhr Gottesdienst sei, sind wir abends nochmal losgezogen, aber weder um sieben, noch um halb acht war Offene Kirche, geschweige denn ein Gottesdienst. Schade, denn die Kirche soll innen sehr sehenswert sein.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 11