Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 12 (Fr, 11.9.2026) Von Cebreros nach San Bartolomé de Pinares (16,1 km)
In Cebreros konnten wir leider nicht gleich auf dem Camino starten, weil wir noch den Herbergsschlüssel in den Briefkasten des Polizeireviers werfen mussten. Von dort ging es hoch zum Museum Adolfo Suarez, das in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist. Dort führte der Weg links weg und kurz darauf war die Stadtgrenze erreicht. Nun ging es fast zwei Stunden steil bergauf, von etwa 800 auf 1200 Meter. Der Camino begleitete mehr oder weniger die nach Norden führende Straße, wobei er die Serpentinen abgeschnitten hat, was zwar die Laufstrecke verkürzte, aber mitunter ziemlich anstrengend war. Als der Weg das erste Mal die Straße kreuzte, ging hinter uns die Sonne auf, was einen irren Anblick der von Bergen eingerahmten Stadt ergab, den man leider nicht so richtig auf ein Foto bannen konnte.

Den Weg konnte man zunächst noch einen solchen nennen, dann war es nur noch ein Pfad, der über zugewachsene und mitunter verbrannte Hänge führte. Als wir das zweite Mal die Straße kreuzten, hatte diese gerade den 1068 Meter hohen Arrebatacapas erreicht. Für die nächsten etwa zehn Kilometer ging es auf dem nunmehr erreichten Plateau für Straße und Camino halbwegs geradeaus ohne riesige Höhenunterschiede weiter. Das stete Auf und Ab hat uns aber zwischenzeitlich auch mal auf etwa 1220 m gebracht.

Wie gestern wurden wir von verbrannten Sträuchern und Bäumen begleitet, zu deren Füßen schon wieder neues Grün wuchs. Die Ginsterbüsche waren mitunter anderthalb Meter hoch, da ist eigentlich kaum zu glauben, dass die in den paar Wochen nach den schweren Bränden gewachsen sind. Ein ganzes Stück verlief der Weg auch zwischen und über Felsbrocken, die über die Hochflächen verteilt waren. Es boten sich immer wieder irre Blicke auf die grünen, teilweise mit schwarzen Flecken versehenen Berge und die wenigen eingeschlossenen Siedlungen.

Da, wo es auf der Hochebene gar keine Büsche und Sträucher gibt, die hätten brennen können, breiteten sich große steppenartige Weiden aus, auf denen viele Kühe weideten. Allerdings war nicht so recht zu erkennen, was sie da fressen können, denn das von der Sonne versengte Gras schaute nur drei Zentimeter aus der Erde. Bei den Rindern handelte es sich überwiegend um junge Kühe, vereinzelt waren auch Kälber dabei.

An einer Stelle führte der ganz gut mit gelben Pfeilen versehene Trampelpfad über die Weide zu einem Tor und sollte nach Überqueren der Straße und Passieren eines weiteren Tores auf der anderen Straßenseite weitergehen. Aber das zweite Tor war so von stachligen Brom­beeren überwuchert, dass wir wieder in das bisherige Gehege zurück mussten, wo wir auf einem von verzweifelten Vorgängern getretenen Trampelpfad zu einer Straßenunter­führung gelangten, die uns auf die Weide jenseits der Straße gebracht hat. Kaum waren wir dort angekommen, kam uns eine Rinderherde entgegen, die in umgekehrter Richtung durch die Unterführung wollte. Die Kühe sind zwar alle friedlich und scheu, aber in der Unterführung hätten wir der Herde nicht begegnen wollen.

In den steinernen Wassertrögen, in denen für die Kühe Quellwasser eingespeist wird, hatte sich überall ein grüner Bodensatz gebildet, in und über dem sich Kaulquappen tummelten. Manche waren schon fast zum Frosch mutiert und hatten bereits vier Beine, aber noch einen langen Schwanz. Es war interessant, die Frösche in verschiedenen Entwicklungsstadien zu beobachten. Wie die Kaulquappen in 1200 Meter Höhe auf einer ausgetrockneten Weide in die Wasserbecken gekommen sind, ist mir allerdings noch ein Rätsel.

Ein Stück weiter fanden wir auf einer Weide einen Ledergurt mit einer Kuhglocke, die einen herrlichen Klang hatte. Mit der haben wir rumgealbert und Fotos gemacht. Ich habe sie mir umgegangen und läuten lassen. So bin ich dann in die Rinderherde gelaufen. Die Kühe, die sonst immer ängstlich abgehauen sind, wenn ich näher kam, haben mich nun (hoffentlich nur wegen der Glocke) als Familienmitglied akzeptiert und sind ganz ruhig stehen oder liegen geblieben, wenn ich durch die Herde spaziert bin. Nicht einmal der Bulle hat gemurrt. Nach ein paar weiteren Bild-, Film- und Tonaufnahmen haben wir die Glocke so auf einem Steinhaufen platziert, dass der Bauer sie finden wird, wenn er das nächste Mal mit seinem Traktor kommt, um den Kühen Stroh zu bringen. Heute ist er uns gerade entwischt.

Dann ging es mal entlang der Straße, die zwar schmal, aber kaum befahren war. Da lagen im Bankett wie auf dem Weg viele Steine rum, die golden und silbern glänzten und damit die Phantasie eines Schatzsuchers beflügelten. Ich habe die Steine alle liegen lassen und damit sicher ein Vermögen verschenkt. Schön und interessant ist auch, dass hier viele Marmor­brocken herumliegen.

Irgendwann war der Punkt erreicht, wo der Weg von der Hauptstraße weg hinunter nach San Bartolomé de Pinares, unserem Tagesziel, führt. Auf dem gegenüber liegenden Berghang war schon einige Zeit ein Ort zu sehen, aber das war nicht San Bartolomé, sondern das jenseits des Flusses Río Gaznata liegende Santa Cruz de Pinares. Weder der Fluss ganz unten im Tal, noch das am diesseitigen Hang gelegene San Bartolomé waren vom Weg aus zu erkennen, da der Hang viel zu steil ist. Auf einer schmalen Straße ging es mit einigen Serpentinen runter ins Tal. Beide Straßenseiten und große Teile des diesseitigen Hangs sind mit riesigen Felsbrocken bestückt, die mich sehr an die nördliche Bretagne erinnert haben. Wie dort hätte man sich hier hinsetzen und raten können, was die Steine darstellen. Mit etwas Fantasie hätte man da zum Beispiel viele Tiere erkennen können. Wir wollten aber nicht auf den letzten Metern trödeln, denn es war um halb drei und lt. Pilgerführer kann man sich bis um drei den Schlüssel für die Herberge im Rathaus abholen.

Nach einigen spektakulären Kurven kam endlich der Ort in Sicht, der durch seine Lage, umrahmt von felsigen Hängen ein tolles Bild abgibt, obwohl er ansonsten recht normal aussieht. In San Bartolomé angekommen, war das Rathaus bereits geschlossen, obwohl es erst viertel vor drei war. Freitag um eins macht jeder seins …

Eine Polizeistation gibt es hier nicht, also mussten wir sehen, wie wir zum Schlüssel kommen. Angelica hat einen einheimischen Autofahrer gestoppt und befragt. Der hat versprochen, anzurufen und zu sagen, dass da zwei vorm Rathaus warten. Aber wir haben vergeblich darauf gewartet, dass jemand kommt. Entweder hat der Autofahrer gar nicht angerufen oder niemand erreicht und uns leider nicht informiert. Eine an die im Pilgerführer genannte Nummer geschickte WhatsApp-Nachricht ist irgendwo am Mittelmeer gelandet und in der Antwort stand mit Smileys versehen, dass da zwar viele Deutsche sind, dass die aber alle nur am Stand liegen und nicht wandern.

Dann kam ich, leider etwas spät, auf die Idee, mal auf die Bilder zu schauen, die ich von der verschlossenen Herberge gemacht habe, als wir dort vorbeigekommen sind. Da stand nämlich auf einem Aushang, wo man den Schlüssel bekommt, wenn man es nicht rechtzeitig ins Rathaus schafft (oder dort schon alle Feierabend gemacht haben). Ich habe Angelica zu der Adresse geschickt und mich mit unseren Rucksäcken im Schatten am Rathaus platziert, falls da doch noch jemand kommt.

Es hat lange gedauert, bis sie wiederkam, dafür hatte sie aber neben den Schlüssel eine pralle Einkaufstüte in der Hand. Im Gespräch mit der Schlüsselhüterin und ihrem Nachbarn hat sie nämlich erfahren, dass die beiden Gaststätten im Ort geschlossen sind - eine permanent und die andere, weil der Wirt im Krankenhaus liegt. Einen Kaufmannsladen gibt es zwar, aber ob der heute nochmal aufmacht ist ungewiss. Angelica hat daraufhin ein bisschen gejammert, dass wir nichts zu essen hätten, was auch stimmte. Wir sind gar nicht auf die Idee gekommen für heute Abend und morgen einzukaufen, weil es hier ja alles Nötige geben soll.

Daraufhin hat die nette Dame ihr einen Einkaufsbeutel vollgepackt mit einem Baguette, zwei Packungen Schinken, zwei kleinen „Philadelphia“, einer Packung Milch, Keksen, Tomaten und Birnen. Und sie hat sich geweigert, dafür was zu nehmen. Angelica, die sehr großzügig mit Spenden ist, hat bestimmt eindringlich darum gebeten, das bezahlen zu dürfen. Irre! Fremden Leuten solch einen Proviantkorb zusammenzustellen und den zu verschenken, das passiert einem nicht jeden Tag. Aber der liebe Gott sorgt schon mittels solcher Menschen dafür, dass wir nicht verhungern. Wir werden uns morgen mit dem Hinterlassen einer guten Spende revanchieren. Die Herberge ist ganz ordentlich und sauber. Ein ziemlich großer Raum mit drei Doppelstockbetten und einer Sitzecke, einem Bad, einem Aufenthaltsraum mit Couchecke und Schreibtisch sowie eine kleine Küche mit Kühlschrank und Mikrowelle. Leider gibt es aber auch hier kein Geschirr, abgesehen von drei Einmal-Tellern, die Vor­gänger hinterlassen haben.

Da die heutige Tour mit 16 km zwar kurz, aber anstrengend war, haben wir uns gleich auf das gesponserte Essen gestürzt. Kurz nach fünf bin ich nochmal zu dem bei unserer Ankunft geschlossenen Kaufmannsladen gelaufen, der eventuell nochmal aufmacht, aber der war noch zu.

Um sieben bin ich nochmal nachschauen gegangen, aber die Rollläden waren immer noch unten. Da habe ich noch eine Erkundungstour durch den kleinen Ort gemacht, die mich vorbei an der Kirche und durch verwinkelte Gassen zu einem Haus gebracht, dessen Erd­geschoss mit großen Fenstern und einer breiten Tür versehen war. Draußen stand nichts dran und drinnen war es dunkel. Als ich mit dem Kopf an der Glastür reingeschaut habe, sah ich da in einem Regal ein paar Gläser stehen und beim zweiten Blick sah ich einen Herrn, der an einer Kühltruhe hantierte. Ich drückte auf die Tür und stand plötzlich in einem Laden. Das Angebot war allerdings miserabel. In den Regalen standen lauter Warenkartons, darunter der Preis. Die meisten Kartons waren jedoch leer und in deren anderen fand sich nichts, was man für Abendbrot und Frühstück hätte gebrauchen können. In einem großen Regal teilten sich allerdings zwei Kartons mit brauchbarem Inhalt den Platz. Ein Karton Bier und ein Karton Cola. Es gab hier also doch was Brauchbares (womit ich nicht die Cola meine) und ich habe mich nicht umsonst aufgemacht. Beim Bier ist offenbar das darunter klebende Preisschild seit Jahren nicht erneuert worden, denn 68 Cent für ein 5-Sterne-Mahou habe ich noch nie gesehen. Das kostet selbst bei großen Ketten mindestens 20 Cent mehr. Der Tag kann also so ausklingen, wie ich es gern habe.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 12