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Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora | ![]() |
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Teil II, Tag 13 (Sa, 12.9.2026) Von San Bartolomé de Pinares nach Ávila (26,2 km)
Die Lebensmittel, die wir gestern geschenkt bekommen haben, reichten sogar noch für das Frühstück und dafür, Sandwiches für den Weg zu fertigen. Die Frau war wirklich liebenswürdig und wir hoffen, dass sie nicht nur den Schlüssel verwahrt und (wahrscheinlich) die Herberge putzt, sondern auch die Spendenbox plündern darf, denn die haben wir etwas großzügiger als üblich befüllt.
Gleich hinter San Bartolomé ging es bergauf und es bot sich ein toller Blick zurück auf das Dorf, in dem gerade die Laternen ausgeschaltet wurden. Wie beim gestrigen Abstieg war der Weg begleitet von großen Felsbrocken, die am Hang herumlagen und die Fantasie beflügelten. Der Camino führte dann an ummauerten Weinbergen vorbei. Ein Mann, der auf einem Quad daher kam, hat uns zwar nach dem Woher und Wohin befragt, aber so richtiges Interesse an uns war nicht zu erkennen. Als er dann sein Gehöft erreicht hatte, hat Angelica ihn mit ihrer unnachahmlichen Art in ein Gespräch verwickelt, in dem er aufgetaut ist. Er, Victor, hat uns dann regelrecht genötigt, in seinen benachbarten Weinberg mitzukommen, der zwar schon abgeerntet war, in dem sich aber noch reichlich Trauben fanden, die er uns mitgeben wollte. Meinen Hinweis auf Diabetes hat er nicht gelten lassen. Die habe er auch, aber trotzdem könne man Weintrauben essen. Bevor er seinen Weinberg wieder abgeschlossen hat, hat er noch ein paar Blätter von den Weinstöcken gerissen, weil seine Hühner diese lieben. Wir haben dann auch beobachtet, wie sich das Federvieh auf den Haufen Blätter gestürzt hat. Bergauf und bergab ging es weiter in den Nachbarort El Harradon. Der liegt direkt am Río Gaznata, der San Bartolomé und Santa Cruz voneinander trennt. Durch den Ort zieht sich ein betoniertes Flussbett, das vielleicht fünf Meter breit ist und etwa drei Meter hohe Seitenwände besitzt. Dieses Flussbett ist momentan so gut wie trocken, da stehen nur ein paar Pfützen. Der Fluss kann aber auch anders, wie wir später erfahren haben. Einen Herrn, der seinen Schäferhund vor uns in Sicherheit gebracht hat, hat Angelica wie üblich in ein Gespräch verwickelt. Da ruft doch seine Frau vom Balkon herunter, ob wir nicht einen Kaffee haben wollen. Da haben wir nicht abgelehnt und schon saßen wir bei den Leuten im Wohnzimmer und hatten Kaffee und heiße Milch vor uns stehen. Zu den Leuten gehörte noch ein Sohn, der wie sein Vater Luis heißt und in Madrid Briefträger ist. Der hat ein bisschen was über seinen Heimatort und seinen Job in Madrid erzählt. Dabei haben wir erfahren, dass 1999 das Wasser des derzeit nicht vorhandenen Flusses so hoch stand, dass man vom Balkon hineingreifen konnte. Seine Mutter hat uns später noch gezeigt, bis zu welcher Stufe im Treppenhaus das Wasser damals reichte. Das ist kaum vorstellbar, wenn man das ausgetrocknete Flussbett und die vertrockneten Felder ringsum sieht. Während wir bei den Leuten saßen, kamen vereinzelt Kühe am Fenster vorbei gelaufen. Die Leute wussten zu erzählen, dass die zu ihrem Stall laufen, weil sie da was zu fressen bekommen. Auf der Weide finden sie derzeit nichts. Wir sind sehr vielen Kuhherden begegnet, die entweder auf blankem Boden standen, oder unter sich nur zwei…drei Zentimeter aus der Erde ragendes, versengtes Gras hatten. Die Kühe sahen zwar nicht abgemagert aus, aber mit einem dicken Euter konnte keine prahlen. Unter einem Baum haben wir das Gerippe eines Pferdes gefunden. Das hat sich da vermutlich zum Sterben hingelegt. Da es schon völlig ausgeweidet war, roch es nicht mal. Hundert Meter weiter lag ein anderes. Da war die Verwesung noch nicht so weit fortgeschritten, das stank ganz fürchterlich. Auf den versengten, baumlosen Berghängen ging es permanent bergauf. Die Straße, die dem gleichen, 1315 Meter hohen Pass zustrebte, wand sich in weiten Serpentinen hoch. Da waren nicht viele Autos unterwegs und die Radfahrer mit ihren E-Mountain-Bikes haben aus Abenteuerlust lieber den von uns begangenen Pfad benutzt, ungeachtet der über den Weg ragenden Brombeersträucher und der vielen steinigen Passagen. Mit dem besagten Pass war aber längst nicht der höchste Punkt erreicht. Der Weg führte mindestens noch fünfzig Meter höher, bis es endlich abwärts ging. Von Ávila war lange nichts zu sehen und als die Stadt nach dem Umkurven eines Berges ins Blickfeld kam, waren nur die Neubausiedlungen am Stadtrand und nicht die von einer gewaltigen Stadtmauer umgebene Altstadt zu sehen. Wir haben uns durch die Vororte bis zur Santiago-Kirche durchgekämpft, die wie befürchtet geschlossen war. Nun waren es aber nur noch ein paar Meter bis zur südlichen Stadtmauer. An der wollten wir eigentlich bis zur Herberge entlanglaufen, die sich am westlichen Stadttor befindet. Aber beim nächsten Tor in der Mauer bot sich ein schöner Blick auf einen kleinen Platz und eine Kirche. Beim Näherkommen zeigte sich, dass es sich um die Taufkirche der Theresia von Ávila (1515-1582) handelt, welche Schutzpatronin Spaniens und ganz speziell dieser Stadt ist. Im Inneren hat die Kirche eigentlich nichts Spektakuläres zu bieten, aber die Touristen drängeln sich trotzdem. In einer Seitenkapelle hat man das Zimmer nachgestellt, in dem Theresia geboren wurde. Das hat eigentlich in der Kirche nichts zu suchen, sondern eher im benachbarten Museum, das ihr gewidmet ist. Egal. Da wir nun schon mal innerhalb der Stadtmauer waren, sind wir durch die dortigen Gassen bergab zum westlichen Stadttor und über die Straßenkreuzung zur Pilgerherberge „Las Tenerias“ gelaufen. Von der Ampelkreuzung geht es durch ein Tor und dann eine Etage runter zur Pilgerherberge, deren Flachdach auf Straßenniveau ist. Sie ist nicht groß, aber ganz brauchbar und halbwegs gemütlich ausgestattet. Fünf Doppelstockbetten verteilen sich auf drei Zimmer, für den Notfall gibt es noch zwei Matratzen. Das Bad ist sehr ordentlich, aber bei 10…12 Personen etwas dürftig. Die Wohnküche ist mit Kühlschrank, Mikrowelle, Herd und reichlich Geschirr gut ausgestattet. Um den großen Tisch kann auf Bänken und Stühlen die ganze Herbergsbelegschaft gleichzeitig sitzen. Dazu wäre es auch fast gekommen, denn die Herberge war eigentlich schon voll, als wir kamen. Ein Trupp männlicher Radfahrer hatte sich hier einquartiert. Insgesamt waren es neun Mann, aber da draußen nur sieben Fahrräder standen, nehmen wir an, dass zwei in einem Fahrzeug die Clique begleiten, die lt. Trikot-Aufschrift für behinderte Kinder radelt. Die Männer waren auch wirklich alle nett, aber trotzdem war in der kleinen Herberge ziemliches Gewusel. Einer der Herren, der die Rolle des Hospitaleros spielte, hat uns begrüßt, Stempel verteilt und ein Bier aus seiner Kühlbox spendiert. Nun musste aber neu arrangiert werden. Die Herren hatten sich schon über die Zimmer verteilt und eigentlich war nur noch ein Bett frei. Aber die Jungs haben ohne Murren das Zimmer mit nur einem Doppelstockbett geräumt und vor der Herberge ein Zelt aufgebaut, in dem zwei auf den Notmatratzen übernachteten. Das war sehr lieb, aber eigentlich von den Regeln so vorgesehen. Fußpilger haben immer Vorrang vor Radpilgern (falls man die angetroffenen Herren so bezeichnen darf) und die zwei im Begleitfahrzeug der Truppe hatten ja eigentlich gar keinen Pilgerstatus. Die Unterbringung war also geklärt. Während die Radler sich auf einen Kneipenbesuch vorbereitet haben, sind wir in den nächstgelegenen „Mercadona“ und haben dort eingekauft - etwas reichlich, da ja am nächsten Tag Sonntag ist, wo wir in den kleinen Dörfern nichts bekommen werden. Angelica übertreibt es dabei immer - nicht weil sie sich verschätzt, sondern damit die nachfolgenden Pilger was im Kühlschrank finden und sich freuen. Bisher hat sie in jedem Ort ein großes Glas löslichen Kaffee gekauft, sich morgens einen Kaffee aufgebrüht, etwas in die Wasserflasche getan und den Rest für die nächsten Pilger stehen lassen. Sie lässt auch keinen Bettler sitzen, ohne ihm ein paar Münzen zu geben und ist sehr großzügig, was die Spenden in den Herbergen betrifft. Sie ist nach vorerst überstandenem Krebs der Meinung, dass sie nicht mehr lange leben wird und will die verbleibende Zeit nutzen, um so viel Gutes wie möglich zu tun. Das betrifft nicht nur die finanziellen Opfer. In jeder Herberge schnappt sie sich zunächst Putzzeug, um Küche und Klo auf Vordermann zu bringen, was mitunter bitter nötig ist. Sie hat erzählt, dass sie in einer Pilgerherberge auf der Via de la Plata beim zuständigen Pfarrer gebettelt hat, wegen angeblicher gesundheitlicher Probleme eine zweite Nacht bleiben zu dürfen. In Wirklichkeit wollte sie die verkeimte Herberge gründlich putzen. Irgendwie erinnert mich das an meine Mutter, der sie sogar ein bisschen ähnlich sieht. Wir haben uns mit unseren Einkäufen an dem großen Tisch gemütlich gemacht und derweil die Waschmaschine laufen lassen. Als die fertig war und die Wäsche auf der Leine hing, bin ich nochmal los, um mir die Stadt wenigstens ein bisschen anzuschauen. Das Beeindruckendste ist zweifellos die 2,5 km lange, 12 Meter hohe Stadtmauer mit 88 Türmen. Die ist abends auf voller Länge angeleuchtet und bietet einen grandiosen Anblick. Ich bin ein ganzes Stück außen an der Stadtmauer entlang gelaufen und dann durch ein großartiges Tor in die Innenstadt, die zum Teil Fußgängerzone ist. Da waren abends um elf Himmel und Menschen unterwegs und vor den Gaststätten war kaum ein Tisch frei. In einer Straße spielte eine Folklore-Band und es tanzten so viele Leute zu der Musik, dass man gar nicht durchkam. Auf der sehr stimmungsvoll beleuchteten Plaza del Mercado Chico mit dem Rathaus stand unendlich viel Kneipengestühl und die Leute darauf waren voller guter Laune. Ebenso auf dem Platz vor dem östlichen Tor, der Puerta del Alcázar, wo die Theresia-Statue steht, die in vielen Prospekten zu sehen ist. Von dort bin ich auf der tadellosen Promenade entlang der Stadtmauer wieder zum anderen Ende der Stadt gelaufen. Es war einfach überwältigend. Man müsste sich ein paar Tage Zeit nehmen, um alle Sehenswürdigkeiten anzuschauen und den Flair der Stadt zu genießen. Eigentlich hatte ich auch einen Ruhetag in Ávila vorgesehen, aber da bei der Hitze, die nun zum Glück etwas abgeflaut ist, keine langen Etappen machbar sind, habe ich meinen Zeitpuffer schon aufgebraucht. Außerdem hätte ein Bleiben den vorzeitigen Abschied von Angelica bedeutet, der mir schwergefallen wäre. Sie ist mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer Art, auf Menschen zuzugehen, auf einer solchen Reise einfach Gold wert. Und in dieser oft unwirtlichen Gegend ist es durchaus ratsam, nicht allein unterwegs zu sein. |
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Camino del Sureste (Teil II) - Tag 13 | ![]() |
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