Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 15 (Mo, 14.9.2026) Von Gotarrendura nach Arévalo (29,1 km)
Wir sind in Gotarrendura wie immer zeitig aufgebrochen, obwohl nur eine kurze Etappe anstand, zumindest für Angelica. Sie machte gestern einen erschöpften Eindruck und wollte heute nur die knapp 14 km nach Tinosillos laufen, wo es ihrer Meinung nach eine Herberge gibt. Das habe ich bezweifelt, denn in keiner der von mir ausgewerteten Listen taucht dort eine Unterkunft auf, sondern erst 15 km weiter in Arévalo. Ich hatte mich also darauf einge­stellt, bis dort zu laufen.

In den kleinen Orten, die wir bis Tiñosillos passiert haben, gab es außer den oft imposanten Kirchen nicht viel zu sehen. Ganz am Anfang des Weges fand sich eine Tankstelle, in der wir einen ordentlichen Automatenkaffee bekommen haben. Die Tankwärterin, eine junge Frau, hat erzählt, dass sie schon mit ihrem Mann mit dem Fahrrad in Santiago war. Ganz stolz hat sie Bilder gezeigt, auf denen sie vor der Kathedrale ihr Fahrrad in die Höhe stemmt.

Im nächsten Ort, Hernansancho, beeindruckte die Kirche mit ihnen markanten, eigentlich nur eine Fassade bildenden Turm. Hinter dem Ort gab es zudem eine Ermita, das heißt, eine Kapelle, die natürlich auch verschlossen war. An Villanueva de Gómez führte der Camino nur vorbei. Über die Häuser hinaus ragte eine sehr große Kirchenruine, die es uns aber nicht wert erschien, extra einen Abstecher in das Dorf zu machen.

Auch in El Bohadon gab es außer der (verschlossenen) Kirche nicht viel zu sehen. Da habe ich nicht mal mehr meine Brille gesehen. Es hat dieses Mal zwei Wochen gedauert, bis ich sie verloren habe. Ich glaube, das ist ein Rekord. Zum Glück habe ich immer genug 17,50 €-Brillen von Fielmann rumliegen, so dass ich gut mal eine verbummeln kann. Wir sind noch ein Stück bis zu der Stelle zurück gelaufen, wo ich den Rucksack kurz abgesetzt hatte, aber da lag keine Brille rum. Nun kann ich bloß hoffen, dass sich bald ein Chinese findet, bei dem ich mich mit neuen Augengläsern eindecken kann. Natürlich habe ich eine Ersatzbrille dabei, aber eine zweite möchte ich gern stets im Rucksack haben.

In Tiñosillos, wo wir um viertel zwölf angekommen sind, gab es natürlich wie von mir vorher­gesagt keine Herberge. Das Rathaus, wo man evtl. Alternativen hätte erfragen können, war zu. Ein Zettel verriet, dass es am 14.9. nur von 13.00 bis 14.30 Uhr geöffnet hat. Da haben wir uns im Kaufmannsladen mit Getränken eingedeckt und sind weitergezogen. Ich war darauf vorbereitet, noch 15 km weiter bis nach Arévalo zu laufen und hatte mich insgeheim schon darauf gefreut, nach einer Woche mit Begleitung wieder allein zu gehen. So gut und tiefgründig unsere Gespräche waren und so hilfreich, wie sich Angelicas Sprachkenntnisse erwiesen, so sehr hatte ich mich schon darauf gefreut, wieder ungestört meinen Gedanken nachhängen zu können.

Aber nun waren wir weiter zu zweit unterwegs, erfreulicherweise durch eine sehr schöne Landschaft. Die 15 km führten nämlich fast vollständig durch einen Pinienwald, der schön anzusehen war und ein bisschen Schatten spendete, allerdings bei weitem nicht so viel, wie ein heimischer Wald. Anfangs hingen an den Bäumen Töpfe, in welche von den Flächen mit abgeschabter Rinde das Harz tropfte. Hier ist es also noch üblich, auf diese Weise Harz zu gewinnen. Bei uns hat man das inzwischen aufgegeben. Man sieht zwar immer noch Bäume mit grätenförmig abgeschabter Rinde, aber die Harztöpfe sind längst verschwunden.

Ein Stück weiter im Wald fanden sich scheinbar intakte Bäume, bei denen aber die Rinde schwarz und aufgerissen war. Hier muss es mal am Boden gebrannt haben, aber sicher nicht in diesem Jahr, denn das Gras sah nicht wie frisch gewachsen aus. Nach den verheerenden Waldbränden im Juli diesen Jahres tritt man hier mit gemischten Gefühlen in den Wald, zumal es schon wieder so heiß ist, dass man mit Bränden rechnen muss. Ich schau da schon etwas genauer auf die Karte, wo die nächste Straße oder der nächste Ort ist, wohin man gegebenenfalls flüchten könnte.

Die Stadt Arévalo dehnt sich nach Süden hin mächtig weit aus. Das heißt, es ging zunächst vorbei an diversen Urbanisationen und durch ein großes Neubaugebiet. Als die Altstadt erreicht war, hatten wir noch nicht unser Ziel erreicht, denn das Rathaus lag noch ein Stück nördlich davon. Es war bereits nach vier, als wir dort ankamen, aber erfreulicherweise stand da noch die Tür auf. Im Rathaus war zwar schon Feierabend, aber im Erdgeschoss sitzt die Polizei und die hat üblicherweise den Herbergsschlüssel. Der freundliche Polizist hat uns den nicht einfach in die Hand gedrückt, sondern uns bis zur Herberge in der angrenzenden Straße begleitet. Die ist in einem sehr alten Haus, aber innen recht modern und gut zu gebrauchen. Es gibt eine große Küche mit Esstisch, zwei Schlafräume mit je zwei Doppel­stockbetten und ein Bad.

Wir haben nur unseren Kram abgestellt und sind dann zum Einkaufen losgezogen, was wir gleich mit einer kleinen Stadtbesichtigung verbunden haben. Hier gibt es unglaublich viele Kirchen und Häuser mit schönen Fassaden und Arkaden, also von Säulen getragenen Obergeschossen. Da kann man gut flanieren und hat dabei sogar meist Schatten. Wir wollten aber nicht flanieren, sondern was zu essen kaufen. Ich habe Angelica verwarnt, nicht wieder so viel zu essen zu kaufen, dass es auch noch für nachfolgende Pilger reicht, denn in der Herbergsküche hing ein Schild, dass man kein Essen zurücklassen soll. Sie hat zwar noch diskutiert, was unter „Food“ zu verstehen ist, sich dann aber gefügt und statt Lebens­mitteln für nachfolgende Pilger zwei große Flaschen mit Shampoo und Duschbad gekauft …

Ich bin in einem chinesischen Bazar an der Plaza del Arrabal fündig geworden und habe dort für 3,90 € eine ganz passabel aussehende Lesebrille in meiner Stärke erworben. Ich habe jetzt dank meiner Schusseligkeit schon ein ganz ordentliches Sortiment in Spanien erwor­bener Chinesenbrillen. In einem etwas auswärts liegenden Supermarkt haben wir auch was zum Beißen gefunden, ich unter anderem die geliebten Nudeln mit Meeresfrüchten für die Mikrowelle. Nach dem Essen wollte ich mich gleich hinsetzen und die ausstehenden Berichte schreiben. Aber irgendwas gab wieder Anlass für ein tief schürfendes Gespräch über Gott und die Welt und danach war es um neun und eigentlich schon zu spät, um noch was Sinnvolles „zu Papier“ zu bringen.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 15