Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 17 (Mi, 16.9.2026)
Von San Vicente de Palacio nach Siete Iglesias de Trabancos (37,3 km)
Wir haben die Nacht ganz gut geschlafen - ich im Stuhllager und Angelica im Bettenlager. Beides zusammen nannte sich Herberge. Eigentlich hätten wir ausschlafen können, da es heute nicht so warm werden sollte, aber die Herbergs-Verwalterin musste zur Arbeit und wir sollten ihr bis um sieben den Schlüssel bringen. Dafür hat sie uns einen Café con leche versprochen.

Ich habe Angelica beim Aufbruch gesagt, dass ich den Rest des Weges gern allein gehen will. Ich wollte noch ein paar Tage die Ruhe des Allein-Pilgerns genießen und auf niemand Rücksicht nehmen müssen. Außerdem wollte ich mal wieder so weit laufen, wie mich die Beine tragen. Die Voraussetzungen dafür waren gut, die Wetter-App hat max. 23 Grad und ein paar Wolken versprochen. Eigentlich wollte ich gleich durchstarten, aber Susana, die Herbergsverwalterin wartete schon mit dem versprochenen Kaffee, als wir bei ihr erschienen. Der wurde vor ihrer Haustür auf einer extra dafür konstruierten Bank mit Tisch serviert und war sehr gut.

Man kann Susana auf den ersten Blick durchaus als nett bezeichnen, denn sie hat uns am Abend zuvor noch die Kirche aufgeschlossen, damit wir einen Blick hineinwerfen können. Ich war aber schockiert, wie sie eine alte Dame abgefertigt hat, welche die Gelegenheit genutzt und einen riesigen Blumenstrauß geholt hat, sicher ein Geburtstagsgeschenk. Den wollte sie gern an einem Altar aufgestellt haben. Das hat Susana zwar gemacht, aber weder ein Dankeschön noch ein nettes Wort für die Dame gehabt, sondern sie förmlich aus der Kirche rausgeschoben. Uns hätte sie ja auch Stress ersparen können, wenn sie in der Herberge gleich zwei Räume und zwei Bäder aufgeschlossen hätte. Aber hinterher in so vielen Räumen nach dem Rechten zu schauen macht Arbeit.

Nach dem Café sind wir aufgebrochen, wie von mir gewünscht jeder für sich. In Medina del Campo sind wir wieder aufeinander gestoßen und zwecks Frühstück in eine Bar eingekehrt. Da haben wir auch über das abendliche Problem gesprochen. Das sollte uns nicht ungeklärt auf unseren Wegen begleiten. Ich bin aber trotz Versöhnung bei meinem Wunsch geblieben, den Weg allein fortzusetzen, bevor die Summe kleiner Uneinigkeiten oder Loriot-tauglicher Dialoge wie „Welches Salz soll ich kaufen?“ „Das ist mir egal.“ „Das ist dir egal?“ zum Krach führen und beiden auf die Laune schlagen.

Im nächsten Ort, Nava del Rey, sind wir nochmal aufeinander getroffen und ich habe Angelica dort bei der Herbergssuche geholfen. Als ich sie gut untergebracht wusste, bin ich weiter gelaufen. Ich wollte noch bis ins zehn Kilometer entfernte Siete Iglesias de Trabancos, wo es auch eine einfache Herberge gibt. Bei der hatte ich bereits am Vormittag per WhatsApp angefragt, ob ich dort unterkommen kann. Das Wetter war wie gesagt günstig, allerdings blies ziemlich heftiger Wind. Trotzdem war ich um fünf, eine Stunde früher als gedacht, dort.

Siete Iglesia ist wirklich ein kleines, ärmliches Dorf. Die Herberge ist im Obergeschoss des Rathauses, das Haus daneben ist eingestürzt. Da in dem Trümmerhaufen auch Möbel und Küchengeräte sind, war das vermutlich kein geplanter Abriss. Es gibt zwei Kaufmannsläden im Ort, einer ist offenbar dauerhaft geschlossen und der andere hat ab heute Urlaub. Dafür gibt es neben dem Rathaus und schräg gegenüber je eine Kneipe. In letzterer sitze ich gerade, da es nur hier auch was zu essen gibt.

Die „Plato Combinado“, das einzige verfügbare Gericht, hat zumindest satt gemacht. Geschmeckt hat es nicht. Die beiden Filet-Stücken hat vermutlich vor längerer Zeit mal jemand auf dem Teller gelassen, die Fritten waren ansich gut, aber versalzen. Beim Spiegelei konnte man nicht viel falsch machen. Damit, dass das viele Salz durstig macht, rechnen die Wirtsleute leider nicht. Beide sind außergewöhnlich dick, was sicher von mangelnder Bewe­gung herrührt. Sie sitzt die ganze Zeit am Tresen und futtert die Knabbereien, die anderswo den Gästen zum Bier gereicht werden. Er klimpert die ganze Zeit auf dem Smartphone rum und es sieht nicht aus, als ob er Weiterbildung betreibt. Ab und zu gehen die beiden zum Rauchen vor die Tür. Der dicke Sohn tobt derweil durch den Gastraum und man muss aufpassen, dass sein Fußball nicht die Gläser vom Tisch fegt.

Im Fernsehen läuft gerade ein Fußballspiel, Atletico Madrid gegen Osasuna, wenn ich das richtig mitbekommen habe (Endstand 4:0). Vorher lief eine Sondersendung mit fünf Modera­toren, welche die Versöhnung zweier als Toreros tätigen, zerstrittenen Brüder (Julian & Fran Rivera) zum Thema hatte. Das Fernsehen ist hier noch viel brisanter als bei uns „Brisant“.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 17