Unterwegs von La Roda über Toledo und Ávila nach Zamora
Teil II, Tag 18 (Do, 17.9.2026) Von Siete Iglesias de Trabancos nach Toro (30,8 km)
Die wiedergewonnene Unabhängigkeit habe ich schamlos ausgenutzt und mich nochmal für eine Stunde umgedreht, als ich um fünf aufgewacht bin. Ich habe in der Herberge im Rat­ haus hervorragend geschlafen und mich ordentlich duschen können. Küchengerät­schaften habe ich nicht vermisst, da ich außer zwei Hotdog-Brötchen nichts zum Essen dabei hatte. Da ich die nicht ohne Belag runterwürgen kann, habe ich das Frühstück ganz ausfallen lassen und stattdessen unterwegs ein paar Picos geknabbert, die man immer dabeihaben sollte. Mit dem heißen Wasser aus dem Hahn konnte ich mir aber wenigstens in einer kleinen Plastikflasche einen Kaffee aufbrühen. Da ich nichts wirklich vermisst habe, war es mir im Nachhinein peinlich, dass ich dem netten Herrn, der mich eingelassen und den Papierkram gemacht hat, nur die geforderten 5 € gegeben habe. Ich habe ihm noch einen zweiten Fünfer in das Gästebuch gelegt - mindestens zehn Euro haben bisher alle von mir bekommen, auch Susana mit ihrem Möbellager.

Um sieben bin ich aufgebrochen. Nach ein paar Häusern ging es in die offene Landschaft, die hier recht gefällig ist. Es ist hügelig und der Weg führt nicht schnurgeradeaus, sondern schlängelt sich durch die ganz verschieden genutzten Felder: Getreide, Sonnenblumen, Gemüse, Wein, Pistazien usw. Die Pistazien, die schon ziemlich reif sind und leicht aus der Schale zu lösen sind, haben sich übrigens als ein guter Frühstücksersatz herausgestellt.

Nach gut zwei Stunden war ich im nächsten Dorf, Castronuño, in dem es viel zu sehen gibt. Es liegt auf einem Hügel hoch über dem Río Duero, der gen Portugal fließt und bei Porto in den Atlantik mündet. Der ist hier aufgestaut und sieht dadurch mächtig breit aus. Die in vorderster Front stehende, recht gewaltige Kirche ist umringt von Bodegas, das heißt tief in den Berg gegrabenen Weinkellern. Einer stand sogar offen, aber ich habe mich nicht getraut, herunterzusteigen. Rings um die Kirche trifft man auf dutzende Kellereingänge und ebenso viele Lüftungsschächte, die aus dem Boden ragen. Das alles hat man in eine schöne Parkanlage integriert, von der aus man einen tollen Blick auf den tief unter einem fließenden Duero hat.

Dem Rat des Hospitaleros aus Siete Iglesias folgend, habe ich zwecks Frühstück die Bar Xokoreto aufgesucht. Die steht ziemlich dicht an der Klippe und bietet von innen und von der Terrasse einen tollen Blick ins Tal. Obwohl die Bar sehr schick und nobel ist, gab es da einen großen Café con leche für 1,80 €. Zum Essen hatten die aber leider nur Süßkram aus der angeschlossenen Bäckerei. Da ich keine Lust hatte, nochmal zurück ins Ortszentrum zu laufen, um mir was zu essen zu kaufen, bin ich gleich weiter. Eigentlich führt der Camino auf einem Höhenweg in das etwa zwei Stunden entfernte Villafranca de Duero. Aber ich habe es vorgezogen, unten am Wasser zu laufen, denn davon hatte ich noch nicht viel auf dieser Tour.

Es ging zunächst in einer großen Doppelkurve bergab zum Fluss. Da musste man etwas aufpassen. Unten angekommen ging es dann auf einem Pfad hinter der Leitplanke, zwischen Straße und Fluss, bis zu einem Staudamm, den man schon von oben gesehen hat. Über den Damm, der auch ein Wasserkraftwerk enthält, führen eine Straße und ein Laufsteg, der die Maschinenhäuser der Wehre miteinander verbindet. Den darf man eigentlich nicht betreten, aber wenn die Tür im Zaun offen steht … Hinter dem Damm ist der Duero wieder ein kleiner, derzeit nicht viel Wasser führender Fluss. Zu ihm gesellt sich aber bald der über einige Kilometer parallel verlaufende Canal de San Juan, der vermutlich für die Bewässerung der Felder angelegt wurde. Der kleine, vielleicht drei…vier Meter breite, in Beton gefasste Kanal ist gut gefüllt und das Wasser fließt darin ziemlich schnell in Richtung Norden. Durch das Wasser auf mindestens einer Seite des Weges war das Laufen keineswegs langweilig. Immer wieder boten sich schöne Blicke auf die üppig begrünten Ufer von Fluss und Kanal.

In Villafranca wollte ich nun endlich das ausgefallene Frühstück nachholen. Aber da gab es keinen Kaufmannsladen und die Bar an der Plaza Mayor war geschlossen. Mit ein bisschen Herumschauen habe ich dann aber an der Durchgangsstraße die Bar „Avenida“ entdeckt, wo ich sogar mein geliebtes Tomatentoast bekommen habe.

Hinter Villafranca ging es weiter in der Nähe des Río Duero und wieder ein Stück entlang des Canal de San Juan. Das war landschaftlich sehr schön, ich bin aber trotzdem irgendwann auf die parallel verlaufende Straße gewechselt, da mir vom Laufen auf dem steinigen Weg langsam die Füße wehtaten. Auf der gut ausgebauten Straße war zunächst nicht viel los, aber dann kam eine große Kiesgrube und viele große Laster waren auf dem Weg dorthin oder kamen voll beladen von dort. Das hat aber auch sein Gutes, denn plötzlich hielt auf der anderen Fahrbahnseite ein riesiger Truck und der Fahrer reichte mir aus dem Fenster eine Flasche eiskalten Wassers. Das war sehr nett und willkommen, denn ich hatte zwar reich­liche Wasservorräte dabei, aber davon war nichts mehr annähernd kalt. Überhaupt sind die Leute hier sehr freundlich und aufmerksam. Oft wird einem ein „Buen Camino“ zugerufen, gewunken oder gehupt. Die Kraftfahrer sind sehr rücksichtsvoll. Fast alle fahren weit rüber, auch wenn da eine Sperrlinie ist. Nur wenige bleiben mitten in der Spur, vermutlich jene mit eingeschaltetem Spurassistenten. Aufpassen muss man bei den alten Bäuerlein, die aber glücklicherweise langsam fahren. Die denken, dass die Begrenzungslinie die Leitschiene für den rechten Radsatz ist. Aber zum Glück gibt es ja meist einen breiten Randstreifen oder zumindest ein betretbares Bankett.

Mein heutiges Ziel, die Stadt Toro, war schon aus etwa zehn Kilometer Entfernung zu sehen, denn sie thront auf einem Steilhang am jenseitige Ufer des Rio Duero, der dort einen scharfen Knick macht. Und wie das bei schon lange sichtbaren Orten ist: sie rücken kein Bisschen näher.

Drei, vier Kilometer vorm Ort führte ein Weg von der Straße weg zum Fluss und folgte diesem bis zu einer gewaltigen, uralten Steinbogenbrücke, die ihn genau da überspannt, wo er den Knick nach Westen macht. Die nunmehr nur noch für Fußgänger zugelassene Brücke hat zugleich die Funktion eines Wehres. Rechts staut sie das Wasser, so dass sich da ein breiter Fluss ergibt, und links stürzt es über die ganze Brückenbreite geräuschvoll ein paar Meter in die Tiefe. Dort schlängelt es sich in mehreren schmalen Armen durch die Sand­bänke, die zusammen mit den üppig bewachsenen Ufern offenbar ein gern besuchtes Ausflugsziel darstellen. Hinter der Brücke ging es in einem abenteuerlichen Tunnel unter einer Bahnlinie hinweg und dann auf einer kunstvoll mit faustgroßen Steinen gepflasterten Straße sehr steil hoch in die Stadt. Das war vom Läuferischen der krönende Abschluss einer 35-km-Etappe. Oben angekommen, steht man direkt vor der riesigen Kirche, die schon so lange zu sehen war. Die war aber leider noch verschlossen und sollte erst in einer viertel Stunde, um fünf, öffnen.

Obwohl mir sehr danach war, mich gegenüber in einer Bar zu einem längst überfälligen Bier niederzulassen, bin ich zunächst zur Touristeninformation, um nach einer Unterkunft zu fragen. Aus meinen Herbergslisten und vom Hospitalero in Siete Iglesias wusste ich, dass es da zwar keine Herberge, aber zahlreiche Hostels, Pensionen und Hotels gibt, wie die vielen Betten-Symbole auf der Karte belegen. Laut booking.com wäre aber nur ein einziges Zimmer für 125 € zu haben gewesen. Nach einigen auf der Karte benannten Unterkünften habe ich im Internet gesucht und keine davon war verfügbar. Per WhatsApp habe ich bei den „Freunden des Jakobsweges“ nachgefragt und nur als Antwort bekommen, dass ich bei der Touristeninformation anfragen soll.

Da hatte ich schon in der Nacht eine Email hingeschickt, aber keine Antwort erhalten. Allerdings hat mich die Dame dort bei meinem Eintreffen gleich mit meinem Namen begrüßt. Angeblich hatte sie meine Email gerade erst (nachmittags um fünf) gelesen. Die Dame war aber sehr hilfsbereit und hat mir auf dem Stadtplan zwei preiswerte Hostels markiert. Ich habe diese aufgesucht, aber beide und ein auf dem Weg liegendes Hotel waren voll.

Da bin ich wieder zurück und habe von der Touristeninformantin erfahren, dass es schwer sein wird, eine Unterkunft zu finden, da im 30 km entfernten Zamora eine internationale Käse-Messe stattfindet und deshalb ringsum alle Hotels ausgebucht sind. Sie hat mir trotzdem eine Liste ausgedruckt und auf meine Bitte hin etwa zehn Hotels angerufen, immer mit dem gleichen Misserfolg. Sie hat auch bei der nächsten Herberge im 20 km entfernten Villalazan angerufen, aber niemand erreicht. Als ich längst wieder draußen auf der Plaza Major war, kam sie mir sogar nachgelaufen, weil jemand aus Villalazan zurückgerufen hat. Ich bin noch mal mit ins Büro und ein erneuter Anruf ergab, dass in Villalazan Platz in der Herberge wäre, aber nur bis um acht die Möglichkeit besteht, im Ort was zu essen zu bekommen. Inzwischen war es um sechs. Natürlich gab es keine Busverbindung dorthin und ein Taxi hätte auch einiges gekostet. Eine Alternative wäre Trampen. Ich müsste nur aus der Stadt raus und ein Stück bis zu der nach Villalazan führenden Straße laufen.

Aber auf jeden Fall musste ich zunächst einkaufen, denn ich war bezüglich Essen und Trinken ziemlich abgebrannt. In einem „Gadis“ habe ich mich eindecken können und im Park gegenüber einen kleinen Picknick zelebriert. Dabei habe ich schon mal die Qualität der Parkbänke geprüft, denn eine Option wäre ja noch das Übernachten im Freien. Aber für die Nacht waren 9 Grad angesagt, was für einen ungeübten Draußenschläfer arg wenig ist. Darum habe ich mich entschlossen, zur Herberge in Villalazin zu trampen, wohl wissend, dass ich am nächsten Tag wieder zurück nach Toro trampen und das Stück nochmal laufen muss, um meine Pilger-Ehre zu retten. Inzwischen war es halb sieben. In einer halben Stunde könnte ich an der Landstraße sein, dann bliebe bis zum Dunkelwerden noch eine Stunde Zeit, um jemand zu finden, der mich mitnimmt.

Beim Weg aus der Stadt hinaus bin ich an einem Kloster vorbeigekommen, wo ich einfach mal geklingelt habe. Nach dem dritten Versuch hatte ich am anderen Ende der Wechsel­sprechanlage eine Nonne, die sogar etwas Englisch sprach. Die konnte mir zwar keine Schlafgelegenheit bieten, hat mir aber eine Telefonnummer gegeben, die ich anrufen sollte. Das habe ich gleich gemacht, aber eine Dame an der Strippe gehabt, die kein Englisch konnte. Da bin ich hilfesuchend in das Museum neben dem Kloster und habe dort die zum Glück sprachkundige junge Frau am Tresen gebeten, für mich anzurufen. Das hat sie bereitwillig gemacht und als sie von einem deutschen Pilger sprach, kam von der Dame am anderen Ende zurück, dass ich Deutsch sprechen könne, da sie mal eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat. Ich habe daraufhin das Telefonat übernommen und gefragt, ob sie nicht wenigstens eine Bank oder ein Bett auf dem Dachboden für mich hätten. Die Dame antwortete, dass sie Beides nicht bieten könne, aber ein Gästezimmer!

Ich bin nun schnell zu der angegebenen Adresse, wo in einem altehrwürdigen Gebäude seit 150 Jahren eine klösterliche Gemeinschaft von Frauen lebt, und wo es ein paar Gäste­zimmer für Teilnehmer christlicher Seminare gibt. Davon habe ich eins bekommen, sehr ordentlich und praktisch eingerichtet (Schreibtisch und Sessel) und mit einem eigenen Bad. Alles picobello sauber, wofür 30 € keineswegs ein überzogener Preis ist. Da hat wohl der liebe Gott bei der Quartiersuche geholfen. Wie schön ist es doch, so viele hilfsbereite Leute zu treffen! Noch am Abend habe ich der Dame in der Touristeninfo geschrieben, mich für ihre Mühen bedankt und ihr Adresse und Telefonnummer des Klosters für den sehr wahrscheinlichen Fall mitgeteilt, dass in den nächsten Tagen eine rumänische Pilgerin hilfesuchend bei ihr erscheint.

Camino del Sureste (Teil II) - Tag 18